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16.10.2019

// WENDEJAHRE 90ER: EINE KAMMER FÜR GANZ DEUTSCHLAND

Nicht weniger als die Neuordnung der Welt stand in den Neunzigern an. Nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges brachte das letzte Jahrzehnt vor dem Jahrtausendwechsel viele Veränderungen mit sich. In Doc Martens, mit bauchfreien Tops und Plateauschuhen tanzte die Jugend zu Macarena, den Boybands, Spicegirls oder auf der Love Parade. Im Kino ging die Titanic unter, zuhause flimmerte Baywatch auf dem Fernseher. Tausende spielten Snake auf dem neuen Nokia-Handy oder hielten das Tamagotchi am Leben. In Schweden etablierten sich die Tacos als Nationalgericht und Deutschland jubelte seiner Nationalelf beim Gewinn der Fußball-WM zu. Der Beginn des Internetzeitalters und der Beitritt Schwedens zur EU veränderten die Bedingungen für den bilateralen Handel maßgeblich – die Kammer reagierte mit neuer Strategie. Die erste Jahresmitgliederversammlung nach der Wende fand 1990 in Berlin statt und beschloss – unter Akklamationen, wie das Protokoll vermerkt – die Streichung des Zusatzes „einschließlich West-Berlin“ in der Satzung der Kammer. Die Schwedische Handelskammer war nun die Interessenvertretung aller schwedischen Tochtergesellschaften im gesamten Bundesgebiet.

Doch der Verein beklagte einen Mitgliederschwund. Eifrig wurde diskutiert, wie man mehr Unternehmen für das Netzwerk begeistern könne. Auch „eine gewisse Veranstaltungsmüdigkeit“ mache sich bemerkbar, stellte man 1993 fest. Prominentere Redner und Vorträge auf Englisch wurden als Lösungen diskutiert. Neue Dienstleistungen der Kammer oder eine „Fibel für Neuankömmlinge in Deutschland“ sollten Mitglieder locken. Eine „Erneuerungsgruppe“ erarbeitete Mitte der Neunziger Vorschläge und befand, die Kammer kümmere sich nicht ausreichend um die Selbstdarstellung.

1995 stellte eine Zäsur für den Verein dar. Nicht nur trat Schweden der EU bei, was den Handel maßgeblich erleichterte. Nach über 20 Jahren ging Geschäftsführer Fred von Tobiesen in Rente, auch der langjährige Präsident Ingemar Kallenbach gab sein Amt ab. SEB-Chef Lars Thörnquist übernahm die Präsidentschaft und nach Verhandlungen, die „sehr freundlich und unkompliziert“ gewesen seien, wurde Göran Svensson als neuer Geschäftsführer eingestellt.

Unter ihm ordnete die Kammer die Mitgliederstruktur neu, um auch kleine Unternehmen stärker zu integrieren. Außerdem gab der Vorstand das Ziel aus, „Controller, Vertriebsleiter und Personalchefs für die Arbeit der Kammer zu interessieren“. Man wollte kein „Klub der Geschäftsführer“ sein. Dem wiedervereinten Deutschland mit seiner föderalen Struktur wurde Rechnung getragen, als 1997 die Geburtsstunde der Regionalgruppen schlug. „Regionale Kammerkreise“ in Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt, Berlin, Stuttgart und München sollten aus zwei bis vier Personen bestehen, von denen mindestens eine im Vorstand der Kammer tätig war. Um die regionale Präsenz in den neuen Bundesländern zu stärken, machte die Kammer gemeinsame Sache mit dem „Schwedischen Industrie – und Handelsclub zu Berlin-Brandenburg“: Der Club ging 1997 in der Kammer auf. Die Veränderungen zeitigten positive Effekte: Kurz darauf wurde das „lang erwartete Ziel“ von 400 Mitgliedern erreicht.

Neue Zusammenarbeit mit dem Exportrat
Das in den Siebzigern brisante Thema der Zusammenarbeit mit dem Außenwirtschaftsrat kam in den Neunzigern wieder auf den Tisch des Vorstands. „Das ehemalige Joint Venture zwischen Staat und Wirtschaft scheint wieder aktuell zu werden“, hieß es – diesmal sollte es jedoch ein produktiveres Ergebnis mit sich bringen. 1992 beschloss der Exportrat, alle Regionalbüros, darunter auch das Hauptbüro Düsseldorf, zu schließen und die Aktivitäten in Berlin zu konzentrieren. Nur Stuttgart blieb als Zweigstelle erhalten. Nach Verhandlungen zwischen der Kammer und dem Außenhandelsbeauftragten Hans Jannö unterzeichneten beide Parteien 1993 einen Vertrag, in dem die Kammer Aufgaben des Exportrats übernahm. Jannö wurde in den Vorstand der Kammer gewählt und eine neue Ära guter Zusammenarbeit begann.

Die Geschäftsstelle war Ende 1991 in die Berliner Allee in Düsseldorf gezogen, weil dort das Handelsbüro des Außenwirtschaftsrats residierte. Die jährlichen Mehrkosten von 13.000 Mark führten zwar zu Diskussionen im Vorstand, doch der Mehrwert, den man sich von den Synergien durch die Nähe zum Exportrat versprach, überwog. Schon 1993 verließ dieser jedoch die Berliner Allee und auch die Schwedische Botschaft in Bonn zog 1999 nach Berlin. Wie Schweden in Zukunft formell in Westdeutschland vertreten sein sollte, beschäftigte die Entscheidungsträger in der Kammer. Sollte ein Konsulat eröffnet werden, das die Funktionen des Kammergeschäftsführers und des Konsuls vereinte? Man entschied sich gegen die Vermischung von Diplomatie und Wirtschaft und konzipierte stattdessen das „Schweden-Center“, das 1998 in der Berliner Allee eröffnete und schwedischen Tochtergesellschaften Arbeitsplätze bot.

Die Kammer geht online
Die zunehmende Entwicklung der Informationstechnologie schlug sich auch in der Arbeit der Kammer nieder. Achtzig schwedische Unternehmen in Deutschland arbeiteten in der IT-Branche, erläuterte Geschäftsführer Göran Svensson Ende der Neunziger, ein Umstand, der es dringend nötig mache, dass die Kammerdienstleistungen sich dieser neuen Branche anpassen müssten. Vorstandsmitglied Alexander Foerster schlug die „Einführung einer eigenen webside im Internet“ vor, die 1999 aufgebaut wurde. „Die Entwicklung der Informationstechnologie durch die Homepage ist so rasant, dass sie auch das Jahrbuch und die Kammerzeitschrift betreffen wird“, glaubte Svensson. Es sei „nicht auszuschließen, dass viele Informationen eher über das Internet zur Verfügung gestellt werden müssen“. Er sollte nur teilweise Recht behalten: Während das Jahrbuch nur noch zehn Jahre gedruckt werden würde, hält sich das Kammermagazin Schweden AKTUELL bis heute.

90er Jahre in der Geschichte
1990    Deutschland wird zum 3. Mal Fußballweltmeister in Italien.
1990    Deutschland wird wiedervereint.
1991    Das beliebte Videospiel Super Nintendo wird auf den Markt gebracht.
1991    Der letzte Trabant rollt aus der Fabrik im sächsischen Zwickau.
1992    Bill Clinton wird zum 42. Präsident der USA gewählt.
1993    Adobe Systems lanciert die Software Adobe Acrobat und das PDF-Format.
1993    Der Vertrag von Maastricht tritt in Kraft und die EG wird zur EU.
1994    Die Fähre Estonia geht auf ihrer Fahrt von Tallinn nach Stockholm unter. 852 Menschen sterben.
1994    Schweden erreicht den 3. Platz in der Fußballweltmeisterschaft in den USA, und das schwedische WM-Lied „När vi gräver guld i USA“ gehört seitdem zu den beliebtesten Fangesängen Schwedens.
1995    Schweden wird der 14. Mitgliedsstaat der EU.
1997    Diana, Prinzessin von Wales, kommt in einem tragischen Autounfall ums Leben.
1999    Günter Grass gewinnt den Nobelpreis in Literatur.


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10.10.2019

// GESUND PER APP? SCHWEDEN WILL WELTWEIT FÜHREN 

// Vorbeugung. Diagnose. Behandlung. Überwachung. Verwaltung. Im Gesundheitswesen kommen Informations- und Kommunikationstechnologien in fast allen Bereichen zum Einsatz. Mit zunehmender Geschwindigkeit wird auch dieser Lebensbereich immer stärker digitalisiert. Ein gigantischer Markt, in dem es um sehr viel Geld geht. Eine Branche, die Verbraucher so existentiell betrifft wie kaum eine andere: Es geht um unsere Daten, um unsere Gesundheit, um unser Leben.

Werden wir auch in Zukunft noch zum Arzt gehen, oder werden technische Diagnosemöglichkeiten auf der Basis von Big-Data-Abgleichen ein viel sichereres Behandlungskonzept verordnen? Operieren uns Computer? Was ist mit dem Selbstbestimmungsrecht über die eigenen Körperwerte? Kann E-Health helfen, tückische Krankheiten zu besiegen?

Es geht um Entwicklungen, die großartige Chancen bergen, aber auch ernste ethische Fragen aufwerfen. Schon 2015 hat der Bundestag das E-Health-Gesetz beschlossen, das die Einführung von E-Health-Technologien im deutschen Gesundheitswesen regelt.

Die Relevanz des Themas hat man in Deutschland lange erkannt, doch wie so oft bewegt sich der deutsche Tanker etwas behäbiger als das kleinere Schweden, dessen Regierung die Vision formuliert hat, bei der Nutzung der mit E-Health verbundenen Chancen global führend zu sein. Zweifellos sind die Bedingungen für einen gewissen Pionierstatus in Schweden günstig. Die schwedische Bevölkerung sieht die Digitalisierung grundsätzlich positiv und hat großes Vertrauen in digitale Innovationen. Informationen werden von zentralisierten Behörden und Registern, für alle zugänglich, verwaltet. Die Bürger pflegen eine offene, vielleicht bisweilen etwas sehr unbekümmerte, Haltung zur Verwendung ihrer persönlichen Daten. Eine große und pulsierende Start-up-Szene erhält relativ leicht Zugang zu neuer Forschung, Startkapital und möglichen Kooperationspartnern. Und das Gesundheitssystem ist öffentlich, auf der Basis eines als Volksversicherung konzipierten Systems. Gute Voraussetzungen also, um im Bereich E-Health erfolgreiche Geschäftsmodelle entwickeln und später auch ins Ausland exportieren zu können. Denn das muss man, ist der Heimatmarkt klein. Der deutsche Gesundheitsmarkt hingegen ist gigantisch, das Potential entsprechend groß.

Um das Ziel, in wenigen Jahren global führendes Land im Bereich E-Health zu werden, zu erreichen, wurde in Schweden 2014 eine eigene Behörde gegründet,  eHälsomyndigheten. Ähnliche Institutionen gibt es auch in zahlreichen anderen Ländern, nicht aber in Deutschland. Die Behörde koordiniert die Maßnahmen der Regierung und bietet eine Reihe von Dienstleistungen und Produkten an – für die Bürger, aber auch für die Branche.

Zum Beispiel werden schon heute etwa 99 % aller Rezepte digital ausgestellt. Jede Apotheke kann die vom Arzt eingegeben Daten dann abrufen und die Medikamente aushändigen. In naher Zukunft, ab dem 1. Juni 2020, soll die gesamte „Rezeptbiographie“ eines Patienten in einer zentralen Datenbank, der „läkemedelslistan“ gespeichert werden. Für Ärzte, Pfleger, Apotheken und die Patienten selbst ist dann einsehbar, welche Arzneimittel ein Patient verschrieben und ausgehändigt bekommen hat. Auf diese Weise verspricht man sich mehr Sicherheit für die Patienten und ein vermindertes Risiko von Arzneimittelmissbrauch. Und in einer elektronischen Gesundheitsakte sind Informationen wie Krankenvorgeschichte, Diagnosen, Laborwerte, Befunde, medizinische Verordnungen und vieles mehr gespeichert.

Deutschland: Die Datenhoheit hat der Patient
Bei Ihnen stellt sich dabei ein leichtes Störgefühl ein? Dann lautet die Diagnose: Sie sind ein datenneurotischer Deutscher, dem das Grundvertrauen der Schweden fehlt, dass mit den Daten bestimmt in Ihrem Sinne umgegangen wird. Entsprechend soll in Deutschland die Datenhoheit bei den elektronischen Patientenakten (ePA) komplett beim Patienten bleiben. Die geplante Datenbank soll die Anamnese, Behandlungsdaten, Medikamente, Allergien und weitere Gesundheitsdaten der gesetzlich Krankenversicherten sektor- und fallübergreifend, landesweit einheitlich speichern, geht also über die Rezeptbiographie deutlich hinaus. Die Krankenkassen wurden jüngst gesetzlich verpflichtet, ihren Versicherten ab dem 1.1.2021 eine elektronische Patientenakte zur Verfügung zu stellen. Die Patienten sollen hier auch eigene Daten ablegen können – und sie können ihre Daten künftig auch außerhalb der Arztpraxis eigenständig einsehen. Damit – so das Ziel - sind die Patienten über Diagnose und Therapie viel genauer und umfassender informiert und können besser als bisher über ihre Gesundheit mitentscheiden.

Ärzte, Zahnärzte, Apotheken und Pflegeeinrichtungen können die Daten bei Bedarf überall ohne Zeitverlust abrufen – aber nur, sofern der Patient, der die alleinige Verfügungsgewalt über seine Akte hat, dem zustimmt. Die Daten können je nach Modell zentral oder dezentral gespeichert werden. Der Datenzugang erfolgt über die elektronische Gesundheitskarte, die ja bereits für alle Kassenpatienten eingeführt wurde und gegenwärtig nur die Versichertenstammdaten enthält. Für den Austausch medizinischer Information soll eine eigene Datenautobahn für das Gesundheitswesen aufgebaut werden, die mit ihren Diensten und Komponenten Telematikinfrastruktur genannt wird. Ausschließlich berechtigte und zugelassene Nutzer im Gesundheitswesen können die Anwendungen und Systeme verwenden.

Digitale Sprechstunden noch im Pionierstadium
Stellen die Schweden schon alle ihre Diagnosen per App? Auch im Norden sind die telemedizinischen Angebote noch am Anfang. Zwar dürfen Ärzte eine Behandlung in manchen Landkreisen allein auf telemedizinischen Diensten aufbauen, einen national einheitlichen Rahmen gibt es hierfür jedoch noch nicht. Telemedizin findet zumeist zwischen Ärzten statt, die Diagnosen oder Röntgenbilder miteinander austauschen. Zurzeit werden Richtlinien erarbeitet, wann eine Online-Konsultation sinnvoll ist und wann sie vermieden werden sollte. Zudem werden in zahlreichen Landkreisen neue IT-Systeme beschafft.

Über die zentrale Webseite 1177.se können die Schweden eine Fülle von Gesundheitsinformationen abrufen und sich orientieren, wo sie für welche Probleme in ihrem Landkreis Hilfe finden. Hier kann man sich auch einloggen und Zugang zu seiner elektronischen Gesundheitsakte erhalten.

Schweden hat klaren Vorsprung gegenüber Deutschland, was die digitale Gesundheit angeht. Beide Länder haben klare Strategien und werden die Veränderungen vorantreiben, die in den nächsten Jahren unzweifelhaft im Alltag jedes Patienten ankommen werden. Schwedische Unternehmen könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen: das Unternehmen KRY meldet starke Wachstumszahlen in der konkreten Telemedizin und startet jetzt auch in Deutschland. (siehe Interview in dieser Ausgabe). Ein sensibles Thema bleibt in jedem Fall der Datenschutz. Haben Ärzte und medizinisches Fachpersonal in Schweden grundsätzlich Zugang zur elektronischen Gesundheitsakte eines Patienten, so soll dies in Deutschland jeweils nur mit fallweiser Zustimmung der Patienten möglich sein.

Wie auch immer das im Detail gelöst wird:  Auch wenn unsere Körper hoffentlich noch lange analog bleiben, die Gesundheitsvorsorge und die Behandlungsmethoden werden sich rasant weiter digitalisieren.


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Schwedischer UnternehmenspreisSeit 2003 wird der Schwedische Unternehmenspreis in Deutschland vergeben. Schwedische Unternehmen, die erfolgreich in Deutschland Wurzeln geschlagen haben, haben gute Chancen auf den Preis, der in drei Kategorien vergeben wird. Finden Sie hier alle Informationen rund um Bewerbung und Verleihung, das aktuelle Programm sowie ein umfassendes Bilderarchiv der vergangenen Jahre.  Mehr