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11.05.2021

// EISHOCKEY: HoHES TEMPO, heiße Emotionen

Schwedens Beinahe-Nationalsport als Spiegel des Zeitgeists

Elfmal Weltmeister, zweimal Olympiasieger: Schweden ist eines der erfolgreichsten Eishockeyländer der Welt. In der aktuellen Eishockey-Weltrangliste liegt das schwedische Herrenteam auf dem vierten Platz und die Damen sind auf Platz neun. Der Anteil der Bevölkerung, der den Sport aktiv ausübt, liegt bei 0,75 %, nur in Kanada (1,76 %) und Finnland (1,2 %) ist er höher.

Auf die Idee mit den Schlittschuhen kamen die Menschen schon vor Tausenden von Jahren – anfangs dienten Tierknochen als Kufen. Erst in der Neuzeit wurden sie auch für Spiel und Sport benutzt. Eis hat eine perfekte Oberfläche für Ballsport; man braucht nur einen See und natürlich kaltes Klima. Schweden hat beides im Übermaß. So wundert es auch nicht, dass die Schweden schon vor langer Zeit „Knatteleikr“, einen Vorläufer der modernen Eiswettkampfsporte, spielten. Ganze Dörfer traten gegeneinander an, statt Pucks nutzten die Dorfbewohner Steine. Doch die Vorstellung, dass Eishockey ein alter schwedischer Sport ist, ist falsch. Eishockey ist in Wirklichkeit erst 150 Jahre alt und kommt vom anderen Ende der Welt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Spiel im kanadischen Montreal entwickelt – das Wort Hockey stammt aus dem Französischen und bedeutet etwa „krummer Stock“. Erst Ende der 1900er-Jahre setzte sich Eishockey dann auch in Europa durch.

Eishockey musste sich gegen Eisbandy durchsetzen

Der neue Sport wurde in Schweden rasch populär. Eishockey als offizielle Sportart wurde von Schweden zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen 1920 in Amsterdam gespielt. In Schweden hatte man bis dahin eine Art von einfacher organisiertem Eisbandy gespielt, der im Volksmund „Hockey“ genannt wurde. Der Sportverband Schwedens meldete sich für die Wettkämpfe an, obgleich es keine Eishockeynationalmannschaft gab. Die Mannschaft bestand entsprechend aus Bandyspielern, belegte aber gleich den vierten Platz. Offenbar lag den Schweden die neue Sportart. Das erste Eishockeymatch in Schweden wurde am 31. Januar 1921 in Stockholm gespielt. Der schwedische IFK Uppsala siegte an diesem Tag gegen den Berliner SC – und begründete damit eine lange Tradition.

Eishockey stand aber noch lange im Schatten des Eisbandys. Eishockey, ein aggressiver Sport, wird in Eishallen gespielt, diese Hallen waren teuer im Bau und brauchten besondere Dimensionen. Eisbandy wird draußen auf übereisten Fußballplätzen gespielt und braucht wenig Ausrüstung, denn der Kontakt zwischen den Spielern ist nicht so groß wie beim Eishockey. Ein Sportjournalist charakterisierte die Unterschiede in den 1930er-Jahren: „Ich bin froh darüber, dass das freie und frische Spiel des Eis – der Bandy – nicht in den kleinen, lärmigen Eispalästen gespielt wird. Der Bandy braucht Eleganz und Intelligenz, das Eishockey: Kraft und Mut“.

„Volksheim aus Eis“: Die Blütezeit des schwedischen Eishockeys

Die 1920er und die 1930er machten das Eishockey populär, und die Jahre 1945 bis 1974 werden heute als absoluter Höhenpunkt des Eishockeys angesehen. Die Anzahl der Eishockeyvereine schnellte von 300 auf 1700 hoch und 10?% aller Mitglieder des Schwedischen Sportverbands waren aktive Eishockeyspieler. Man baute neue Eishallen und konnte so die Spielsaison verlängern. Ende der 1970er-Jahre gab es 200 übereiste Spielplätze und 55 Eishallen.

In den Medien wurde das Eishockey zu einer der populärsten Sportarten und die Eishockeynationalmannschaft wurde in Volksmund „Drei Kronen“ genannt, nach dem Königswappen. Man sprach vom „Volksheim auf Eis“ und wähnte Eishockey auf dem besten Weg, populärer als Fußball zu werden.

Warum setzte sich der neue Sport so radikal durch? Das lag nicht zuletzt an den Medien, vor allem am Fernsehen. Die Eishallen boten bessere Bedingungen für die Fernsehkameras als Bandy. Außerdem fand Eishockey prominente Unterstützer: Ein Sozialdemokrat, der zugleich Präsident des Eishockeyverbandes und Präsident des Stockholmer Sport- und Freizeitrats war, nutzte seinen Einfluss, um mehr Eishallen zu bauen. Der Sportredakteur der größten Tageszeitung Dagens Nyheter war auch Mitglied des internationalen Eishockeyverbandes und die Zeitung machte deutlich Stimmung für Eishockey.

Das Resultat blieb nicht aus und so war 1955 Eishockey zum ersten Mal populärer als Bandy. Geld floss in den Sport, die Spieler erhielten mehr Geld und Medienaufmerksamkeit. Es gab auch einen ideologischen Faktor: Eishockey konnte das Interesse jüngerer Männer erobern und man richtete sich gezielt an Schüler. Bandy hatte den Nachteil, dass es wenig internationales Interesse gab, während Eishockey in Nordeuropa weit verbreitet war.

Kalter Krieg: Stellvertreterkämpfe auf dem Eis

Der Sowjetunion war in den 1950er-Jahren eine kometenhafte Karriere in der Eishockeywelt beschieden. Im Kalten Krieg wurde die Sportwelt zu einem neuen Schlachtfeld, auch auf dem Eis. Die Sowjetunion und die osteuropäischen Länder, vor allem die Tschechoslowakei, kämpften gegen die USA und Kanada. Wer gewann, hatte die bessere Spieltechnik und dadurch – so die Ideologie – das bessere politische System. Der Westen stand für eine individualistische Technik, der Osten für kollektiven Teamgeist. Und zwischen den beiden Seiten stand das neutrale Schweden. Wie beim politischen System hatte man eine eigene Spieltechnik entwickelt, die sich zwischen der nordamerikanischen und der sowjetischen befand. Die schwedische Nationalmannschaft war eine echte Bedrohung für die Besten und gewann zwei Weltmeisterschaften, 1957 in Moskau und 1962 in Colorado Springs. Auf dem Höhepunkt war Eishockey eine nationale Angelegenheit. Die Weltmeisterschaft 1974 wurde von der Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in Schweden verfolgt.

Schwedische Spieler als Exportartikel

Schweden fing an, seine besten Spieler in die USA und nach Kanada zu exportieren, wo viele erfolgreiche Karrieren feiern konnten. Dabei zeigt sich eine Kuriosität: Drei schwedische Zwillingspaare, die in den USA Eishockey spielen. Am erfolgreichsten ist Nicklas Lidström, der über 20 Jahre in Detroit die Red Wings dominierte und vier Stanley Cup-Titel und sieben Norris Trophy-Titel gewann. Ein anderer ist Peter Forsberg, im Volksmund „Foppa“ genannt, der als der Zlatan des Eishockeys gehandelt wurde. Er wurde zum Helden, als es ihm bei der Weltmeisterschaft 2003 gelang, in einem Match gegen Finnland aus einem 5 zu 1-Stand ein 6 zu 5 zu machen. Die Möglichkeit, ein Spiel so zu wenden, macht die Attraktivität des Eishockeys mit aus. „Wie dunkel auch die Aussichten sind, beim Eishockey gibt es immer eine Chance, das Spiel umzudrehen. Es liegt nur an Arbeit, Teamgeist und Intelligenz“, schrieb damals der Eishockeyblogger Torgny Stehen. Dass dies Schweden gerade gegen Finnland gelang, machte „Foppa“ zum nationalen Idol, denn der regionale Wettstreit spielt für die Skandinavier eine besondere Rolle: Im schwedischen Eishockey ist es nicht am wichtigsten, weltweit am besten zu sein, sondern über die Brudernation Finnland zu gewinnen.

Entspricht Eishockey nicht mehr dem Zeitgeist?

Seit den großen Siegen jedoch verliert Eishockey an Bedeutung in Schweden. Die Massenmedien werten zwar noch Nachrichten über den Sport als höchste nationale Angelegenheit, aber wenn man die Anzahl der Mitglieder betrachtet, liegt Eishockey nur noch auf Rang acht unter den populärsten Sportarten Schwedens, nach Fußball, Golf, Gymnastik, Leichtathletik, Floorball, Schwimmen und Schießen.

Es klingt zwar beeindruckend, dass 73.000 Schweden den Sport ausüben, aber im Vergleich zum ehemaligen Reiche-Leute-Sport Golf, der von 500.000 Schweden gespielt wird, scheint die Anzahl eher niedrig. Manche führen die hochpreisige Eishockeyausrüstung als Grund an. Halskrause, Brustpanzer, Fanghandschuh, Hose, Beinschoner, Stutzen, Trikot und Schlittschuhe braucht es, um aufs Eis zu gehen – also viel mehr als beim Fußball oder Floorball.

Auch die Art und Weise des Sports, die Aggressivität und die Bodychecks wirken auf viele abschreckend. Eishockey hat Probleme, als ein moderner inklusiver Sport zu erscheinen, wird als Männersport wahrgenommen und begeistert wenige Frauen. Manche Kritiker sprechen gar über Mobbing und über raue Umgangsformen. Besonders in der Juniorliga herrsche ein schlechter Ton zwischen den Teams. Man beleidige einander, wenn der Eishockeyrichter es nicht hören kann. Der Eishockeyverband versucht, das Hockeyklima zu verändern, aber noch ist er weit von diesem Ziel entfernt. Johan Tornberg, der im Jugendteam von Västerås engagiert ist und viel mit Repräsentanten anderer Vereine spricht, glaubt, dass dies schlimmer geworden sei. Es gebe „eine Lawine von schlimmem Sprachgebrauch und Rassismus“, kritisierte er. „Ein Junge weinte, denn er wurde vom Gegenteam als Affe bezeichnet. Sie sagten, dass er auf einen Baum klettern sollte.“ Und ein Hockeyvater berichtete: „Gewisse Kinder werden als Stars behandelt, diese Kinder können irgendwas machen, sogar andere Kinder schikanieren, ohne dass der Trainer eingreift.“

Auch die gerade in Schweden wichtige Gleichberechtigung scheint im Eishockey nicht angekommen. Im Herbst 2019 streikte die komplette Frauen-Nationalmannschaft. Die Gründe: Ungleiche Bezahlung und mangelnder Respekt seitens des Eishockeyverbandes. Das Gehalt eines männlichen Eishockeyspielers in der Eliteliga beträgt ca. 12.000 Euro, während eine Eishockeyspielerin nur 500 Euro verdient. Ein Jahr später wurde bekannt, dass ein Angestellter des Verbands eine Kollegin sexuell belästigt hatte, ein dritter Kollege, der dies anzeigte, wurde dafür gefeuert. Im Zuge der Affäre musste der Verbandspräsident nach 19 Jahren seinen Posten aufgeben, der Eishockeysport in seinem Ruf war nachhaltig beschädigt.

Im Krisenmodus

2020 war auch aus anderen Gründen ein Krisenjahr für Eishockey. Die Coronapandemie hat zu vielen Schwierigkeiten geführt. Als Hallensport mit viel Kontakt ist das Infektionsrisiko höher als bei anderen Sportarten. Man annullierte die Saison 2019/2020, die aktuelle Saison 2020/2021 läuft – aber mit vielen Restriktionen und ohne Publikum.  

Ein weiteres Problem für den Eishockey: Die besten Spieler befinden sich im Ausland und die große Konkurrenz zwischen den Sportarten zersplittert das Interesse. Es gibt inzwischen 70 Sportarten im nationalen Sportverband.

Eishockey kann nicht mehr den zentralen Platz im Herzen der Schweden beanspruchen, den es einmal hatte. Doch damit steht der Sport nicht allein. Als die körperliche Ertüchtigung in der Form, wie wir sie heute Sport nennen, in Schweden vor fast 150 Jahren begann, waren Rudersport, Radsport und Schlittschuhrennen die populärsten Arten. Auch ihre Beliebtheit ist im heutigen Schweden äußerst begrenzt. Die Behauptung, dass Eishockey ein schwedischer Nationalsport sei, war ohnehin immer etwas falsch. Fußball war zu jeder Zeit beliebter. Trends kommen und Trends gehen, der Sport bildet dabei keine Ausnahme. Nur König Fußball hat seine Popularität behalten. Und das, obwohl die Schweden, im Unterschied zu Fußball, Eishockey richtig gut spielen können.

VON ALEXANDER ROTH

 

DIES IST EIN ARTIKEL DER SCHWEDEN AKTUELL. LESEN SIE DAS KOMPLETTE MAGAZIN HIER


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05.05.2021

// Die Bewerbungsphase für den schwedischen Unternehmenspreis und den Preis für deutsche Investitionen in Schweden ist eröffnet

 Der Schwedische Unternehmenspreis dient der Förderung der deutsch-schwedischen Wirtschaft und wird jährlich gemeinsam von der Schwedischen Handelskammer in Deutschland, Business Sweden und der Schwedischen Botschaft verliehen und zwar in den Kategorien große Unternehmen, Mittelständische Unternehmen und Newcomer auf dem deutschen Markt.

Erstmals in diesem Jahr wird auch der Preis für Deutsche Investitionen in Schweden ausgeschrieben. Dieser ist eine neue Auszeichnung für herausragende und beispielhafte Investitionen deutscher Unternehmen in Schweden, die die besondere Verbindung und Zusammenarbeit beider Länder unterstreichen.

Alle Informationen zur Bewerbung und den Kriterien finden Sie hier. Bewerbungsschluss ist der 1. August 2021. Sollten Sie Fragen haben, melden Sie sich gern jederzeit in der Geschäftsstelle der Schwedischen Handelskammer. Die festliche Verleihung des Preises findet voraussichtlich am 18. November 2021 im Rahmen einer Gala in Hamburg statt. Merken Sie sich den Termin schon jetzt vor und werfen Sie bis dahin gerne einen Blick auf die Preisträger und -verleihungen der vergangenen Jahre.


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Schwedischer UnternehmenspreisSeit 2003 wird der Schwedische Unternehmenspreis in Deutschland vergeben. Schwedische Unternehmen, die erfolgreich in Deutschland Wurzeln geschlagen haben, haben gute Chancen auf den Preis, der in drei Kategorien vergeben wird. Finden Sie hier alle Informationen rund um Bewerbung und Verleihung, das aktuelle Programm sowie ein umfassendes Bilderarchiv der vergangenen Jahre.  Mehr