
Wie Mode und Textilien zukunftsfähiger werden können, zeigt die Ausstellung „Fashion. Forever“ des Schwedischen Instituts, die seit dem 7. Oktober für etwas mehr als einen Monat an der HAW Hamburg präsentiert wird. Im Mittelpunkt stehen nachhaltige Materialien, Kreislaufwirtschaft und textile Innovationen aus Schweden. Damit greift die Ausstellung genau die Frage auf, an der sich die Zukunft der schwedischen Mode entscheidet: Wie lassen sich kluges Design für die breite Masse, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit verbinden? In der Ausgabe 4/26 des Kammermagazins SCHWEDEN aktuell kommen Kammermitglieder und weitere Unternehmen aus der Branche zu Wort. Lesen Sie den gesamten Artikel hier.
20. August 2026, kurz vor 15.07 Uhr, Limbecker Platz in Essen: Vor einem neuen Modegeschäft zieht sich eine Schlange durch das Einkaufszentrum. Als sich die Türen öffnen, ist sie nach Medienberichten rund 100 Meter lang. Die ungewöhnliche Uhrzeit ist kein Zufall. Lager 157 heißt die schwedische Kette, die an diesem Nachmittag ihren bislang größten deutschen Store eröffnet. Ihr Versprechen klingt denkbar schlicht: Jeans, T-Shirts, Sweatshirts und andere Basics für Frauen, Männer und Kinder – ohne unnötige Extras und zu Preisen, die möglichst viele bezahlen können.

Dass dieses Konzept in Essen aus dem Stand einen solchen Andrang erzeugt, erzählt nicht nur etwas über die gegenwärtige Konsumlaune. Die Eröffnung führt mitten hinein in die Geschichte der schwedischen Mode. Denn hinter der nüchternen Formel aus Denim, Basics und Preis steht eine Idee, die Schweden weit über die Bekleidungsbranche hinaus erfolgreich gemacht hat: gutes Design soll kein Privileg einer Minderheit sein. Es soll funktionieren, im Alltag bestehen und für viele erreichbar sein.
Lager 157 wurde 1999 in Gällstad in Westschweden gegründet, einer kleinen Stadt in der traditionsreichen Textilregion Sjuhärad. Aus dem ursprünglichen Handel mit Markenware zu stark reduzierten Preisen entwickelte das Unternehmen ein Sortiment aus Eigenmarken: Denim und Basics wurden zum Kern. 2024 begann die Expansion nach Deutschland, 2026 überschritt die Kette nach eigenen Angaben die Marke von 100 Geschäften. Dass ausgerechnet ein ausgesprochen reduziertes Konzept einen solchen Eröffnungshype auslöst, ist eine hübsche Ironie: Aufregung entsteht hier durch das Versprechen, auf modische Aufregung weitgehend zu verzichten.
Schwedische Mode lässt sich nicht auf einen Stil reduzieren. Das Klischee vom skandinavischen Minimalismus trifft auf Filippa K oder Totême eher zu als auf die Blumen, Punkte und kräftigen Farben von Gudrun Sjödén. Ein makellos weißes Eton-Hemd spricht eine andere Sprache als die robuste Merino-Unterwäsche von Woolpower. Und zwischen dem globalen System H&M, dem Premiumanbieter Eton und dem preisorientierten Händler Lager 157 liegen nicht nur Größenordnungen, sondern auch grundverschiedene Geschäftsmodelle.
Gemeinsam ist vielen schwedischen Marken dennoch eine Haltung: Gestaltung soll das Leben nicht komplizierter, sondern einfacher machen. Kleidung wird weniger als kostbares Schaustück denn als selbstverständlicher Teil des Alltags verstanden. Sie darf schön sein, ohne unpraktisch zu werden; eigenständig, ohne den Menschen unter ihr verschwinden zu lassen. Begriffe wie Funktion, Klarheit, Zugänglichkeit und Langlebigkeit tauchen deshalb immer wieder auf – in sehr unterschiedlichen Kombinationen.

Das hat gesellschaftliche Wurzeln. Das Ideal des demokratischen Designs verbindet ästhetischen Anspruch mit Gleichheit und Gebrauchswert. In der Mode konnte daraus einerseits die Idee entstehen, aktuelle Gestaltung zu erschwinglichen Preisen breit verfügbar zu machen. Andererseits begünstigte es eine urbane, zurückhaltende Eleganz: Kleidung für den Alltag, Arbeitswege und wechselnde Rollen, nicht allein für den Laufsteg. Filippa K formuliert diese Tradition als ‚effortless Scandinavian minimalism‘ – einfache, hochwertige Kleidungsstücke, die Stil und Komfort im Alltag zusammenbringen sollen.
Auch Gudrun Sjödén passt in dieses Bild, gerade weil ihre Mode äußerlich das Gegenteil minimalistischer Zurückhaltung ist. Seit 1974 entwirft die Designerin farbenreiche, kombinierbare Kleidung aus häufig natürlichen Materialien. Die Muster sollen nicht einer kurzen Saison gehorchen; viele Motive und Formen kehren über Jahrzehnte wieder. Demokratisch ist hier nicht die optische Unauffälligkeit, sondern der Anspruch, Frauen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Figuren dazu einzuladen, sich sichtbar und selbstbewusst zu kleiden.
Aus einer überschaubaren Binnenwirtschaft heraus mussten schwedische Unternehmen früh über die Landesgrenzen hinausdenken. Das gilt für Maschinenbau und Möbel ebenso wie für Mode. Deutschland ist dabei ein naheliegender, aber keineswegs einfacher nächster Schritt: ein großer Markt mit kaufkräftiger Kundschaft, ausgeprägtem Preisbewusstsein, etablierten Handelsstrukturen und starker Konkurrenz. Zugleich genießen schwedische Unternehmen hier einen Vertrauensvorschuss. Qualität, Funktionalität, Innovation und Nachhaltigkeit gehören zu den Eigenschaften, die mit der Herkunft verbunden werden.
Die aktuellen Branchendaten zeigen, dass Mode mehr ist als ein kulturelles Aushängeschild. Nach dem Bericht ‚Swedish Fashion 2025‘ beschäftigt die schwedische Modewirtschaft rund 44.000 Menschen. Die Modeexporte haben sich seit 2016 verdoppelt und liegen bei etwa 42 Milliarden schwedischen Kronen; rund 12.000 Arbeitsplätze in Schweden hängen demnach an ihnen. Die Zahlen beschreiben eine Branche, die mit immateriellen Werten handelt – Stil, Marke, Vertrauen –, aber erhebliche reale Wertschöpfung erzeugt.

Deutschland besitzt in vielen Erfolgsgeschichten eine besondere Stellung. Für Gudrun Sjödén wurde die frühe Resonanz deutscher Kundinnen zum Ausgangspunkt internationaler Expansion. Eton bringt die textile Tradition Westschwedens, die 1928 in Gånghester begann, in einen Markt, in dem Qualität und ein langlebiges Businesshemd weiterhin geschätzt werden. Lager 157 setzt nun mit großen stationären Flächen auf ein anderes Publikum und eine andere Preislage – aber ebenfalls auf die Annahme, dass eine schwedische Mischung aus Schlichtheit, Funktion und klarer Markenidee in Deutschland verstanden wird.
„Jedes Detail erfüllt einen Zweck, und die Qualität spricht für sich.“
David Thörewik, CEO Kammermitglied ETON
Der Weg verläuft allerdings nicht nur von Schweden nach außen. Das Land ist zugleich ein attraktiver Markt für internationale Unternehmen, die neue Produkte und Handelskonzepte erproben wollen. Mit gut zehn Millionen EinwohnerInnen ist Schweden ein vergleichsweise überschaubarer Markt. Zugleich sorgen eine hohe Kaufkraft, ein hoher Digitalisierungsgrad und eine große Offenheit gegenüber neuen Technologien dafür, dass sich Trends und Marktreaktionen schnell beobachten lassen. Business Sweden beschreibt schwedische Verbraucherinnen und Verbraucher entsprechend als „Early Adopters“, die neuen Produkten und Entwicklungen besonders aufgeschlossen begegnen. Auch internationale MarktbeobachterInnen sehen Schweden deshalb als attraktiven Testmarkt – trotz vergleichsweise hoher Kosten.
Für Mode und Handel ist diese Rolle besonders interessant. Digitale Verkaufskanäle, mobiles Bezahlen, neue Formen des Wiederverkaufs oder Dienstleistungen rund um Rücknahme, Reparatur und Transparenz lassen sich unter realen Bedingungen testen. Hinzu kommt ein anspruchsvolles Publikum: Nachhaltigkeitsversprechen werden gern angenommen, aber zunehmend auch kritisch geprüft. Ein Konzept, das in Schweden funktioniert, hat damit nicht automatisch den europäischen Markt erobert. Es hat jedoch einen frühen Praxistest in einem innovationsfreundlichen und zugleich qualitätsbewussten Umfeld bestanden.
Diese Doppelfunktion ist charakteristisch: Schweden ist Ideengeber und Experimentierfeld. Das Land exportiert Marken und Geschäftsmodelle, importiert aber ebenso Impulse und lässt sie auf eine Gesellschaft treffen, in der Mode, Technologie und gesellschaftliche Werte eng miteinander verhandelt werden.
Die Schwedische Botschaft in Berlin beschreibt dabei zwei besonders dynamische Felder: Kreislaufwirtschaft und digitale Innovation. Virtuelle Anproben, digitale Produktentwicklung, On-Demand-Produktion und digitale Produktpässe sollen Ressourcen sparen und zugleich sichtbar machen, woher ein Kleidungsstück stammt und unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde. Ein Zentrum dieses Wandels ist Borås: Die westschwedische Textilstadt verbindet mit der Textilhochschule, Smart Textiles und dem Textile Fashion Center Forschung, Ausbildung und unternehmerische Entwicklung.
Keine Marke hat die internationale Wahrnehmung schwedischer Mode stärker geprägt als H&M. Aus dem 1947 in Västerås gegründeten Damenmodegeschäft Hennes entstand ein globaler Konzern. Das Grundversprechen – aktuelle Mode einer breiten Kundschaft zugänglich zu machen – passt nahezu ideal zum schwedischen Narrativ vom Design für viele. Zugleich verdichten sich bei H&M die Widersprüche der gesamten Branche.
Mode zu niedrigen Preisen und in großen Mengen verfügbar zu machen, hat Teilhabe ermöglicht und den Markt dynamisiert. Doch genau die hohe Geschwindigkeit, die weltweiten Lieferketten und der enorme Materialdurchsatz stehen im Zentrum der Kritik an Fast Fashion. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob einzelne Kollektionen aus besseren Fasern bestehen. Sie lautet, ob ein auf Menge, Neuheit und häufigen Käufen beruhendes System seinen Ressourcenverbrauch absolut senken kann.

H&M bezeichnet Nachhaltigkeit seit fast 30 Jahren als Bestandteil seiner Geschäftsstrategie. Dazu gehören Kleidersammelboxen in den Stores, das Wiederverkaufsangebot „H&M Pre-loved“ und der Umbau des Materialportfolios. Bis 2030, so das Unternehmensziel, sollen sämtliche verwendeten Materialien recycelten, biologischen, regenerativen oder innovativen Ursprungs sein. Neue gesetzliche Anforderungen versteht der Konzern zugleich als Chance, den Wandel zu beschleunigen und gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.
Gerade deshalb ist H&M für die Debatte unverzichtbar. Ein Nischenlabel kann zeigen, wie anders Mode produziert werden könnte. Ein globaler Konzern muss beweisen, dass Veränderung nicht nur in kleinen Modellprojekten, sondern über Milliarden Kleidungsstücke und komplexe Lieferketten hinweg möglich ist. Am Erfolg oder Scheitern dieser Transformation entscheidet sich, ob die Demokratisierung der Mode im 21. Jahrhundert noch einmal positiv besetzt werden kann.
„Mode, Qualität und Design sollen nicht exklusiv sein, sondern möglichst vielen Menschen zu erschwinglichen Preisen offenstehen.“
Oldouz Mirzaie, Regional Manager Kammermitglied H&M Central Europe

Während H&M den Umbau im großen Maßstab versucht, setzen andere schwedische Unternehmen auf Wert und Nutzungsdauer. Eton entstand 1928 in der westschwedischen Textilregion. CEO David Thörewik beschreibt das erkennbar Schwedische eines Eton-Hemdes weniger als bestimmte Ästhetik denn als Wertschätzung für Design, Funktionalität und Qualität. Material, Konstruktion, Passform und Verarbeitung werden kontinuierlich weiterentwickelt. Ein gutes Hemd solle häufiges Tragen nicht nur überstehen, sondern zu einem dauerhaften Teil der Garderobe werden und so über den ersten Kauf hinaus Wert schaffen.
Gudrun Sjödén verfolgt eine andere Form der Langlebigkeit. Ihre Entwürfe entziehen sich dem schnellen Wechsel, indem sie eine so deutliche eigene Welt schaffen, dass sie nicht nach einer Saison veraltet wirken. Muster werden kombiniert, ältere Stücke mit neuen getragen, Farbe wird zur Kontinuität. Wo Eton auf die Beständigkeit des nahezu perfekten Hemdes setzt, setzt Gudrun Sjödén auf die Beständigkeit einer persönlichen Handschrift.
Beide Beispiele zeigen: Zeitlosigkeit muss nicht beige sein. Sie kann aus formaler Reduktion entstehen, aus hoher Qualität, aus Reparierbarkeit oder aus einer starken Ästhetik, die dem Diktat wechselnder Trends widersteht. Für Kundinnen und Kunden wird diese Nutzungsdauer allerdings nur dann zum ökologischen Gewinn, wenn sie tatsächlich weniger und länger tragen – nicht wenn das langlebige Stück lediglich zusätzlich gekauft wird.
Ein weiterer Strang schwedischer Textilkultur führt hinaus aus den Städten. Naturerfahrung ist in Schweden keine seltene Freizeitkulisse, sondern Teil des Selbstbildes. Für Jesper Rodig, Geschäftsführer von Scandic Outdoor, bezeichnet friluftsliv weniger eine bestimmte Aktivität als einen selbstverständlichen Teil des Alltags. Zeit draußen müsse weder sportliche Leistung noch besonderes Abenteuer bedeuten. Entsprechend sollen die Produkte unkompliziert, zuverlässig und vielseitig sein – eine andere Erzählung als jene Outdoor-Werbung, die vor allem Extreme und Expeditionen inszeniert.

Scandic Outdoor bringt eine Reihe skandinavischer Marken nach Deutschland. Für den Mode-Schwerpunkt ist insbesondere Woolpower interessant. Das Unternehmen produziert Merino-Funktionsbekleidung und Socken; gefertigt wird ausschließlich in Östersund, wo rund 400 Menschen arbeiten. Die Näherinnen und Näher signieren die von ihnen gefertigten Kleidungsstücke. Herkunft wird damit nicht nur als Landschaftsbild erzählt, sondern ist im Produkt nachvollziehbar.

Woolpower bewegt sich zwischen Outdoor, Arbeitswelt und professionellem Einsatz. Auch zur Bundeswehr bestehen langjährige Lieferbeziehungen. Woolpower-Produkte werden außerdem von Polizei, Behörden und anderen Streitkräften genutzt. Rodig betont, dass Woolpower keine klassische Militärmarke ist. Die Bekleidung wurde vielmehr für anspruchsvolle klimatische Bedingungen entwickelt. Eigenschaften wie Wärmeleistung, Temperaturregulierung und Zuverlässigkeit sind deshalb sowohl für zivile als auch für professionelle Anwenderinnen und Anwender relevant. Gerade diese Produkte verwischen die Grenzen zwischen Bekleidungskategorien. Funktionsshirts, Wollsocken, Outdoorjacken und Mützen sind längst im städtischen Alltag angekommen. Was aus Klima und Naturerfahrung entwickelt wurde, wird Teil einer allgemeinen Ästhetik: robust, unaufdringlich, technisch glaubwürdig. Schwedische Outdoor-Marken verkaufen damit nicht nur Ausrüstung, sondern ein Lebensgefühl – die Vorstellung, jederzeit bereit zu sein, die Stadt hinter sich zu lassen.
Kaum ein Land verbindet sein internationales Image so stark mit Nachhaltigkeit wie Schweden. Für Modeunternehmen ist das ein Vorteil und zugleich eine Verpflichtung. Die Herkunft erzeugt Vertrauen, erhöht aber zugleich die Fallhöhe. Wer mit nordischer Natur, verantwortungsbewussten Materialien und zeitlosem Design wirbt, muss genauer erklären, wie viel produziert wird, woher Fasern stammen, unter welchen Bedingungen genäht wird und was am Ende der Nutzung geschieht.
Auch der politische Druck nimmt zu. Mit ihrer Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien setzt die Europäische Union auf langlebigere Produkte, bessere Reparierbarkeit und mehr Recycling. Die Ökodesign-Verordnung schafft dafür den rechtlichen Rahmen. Textilien zählen dabei zu den prioritären Produktgruppen für die Einführung eines digitalen Produktpasses. Seit Juli 2026 gilt für große Unternehmen zudem ein Verbot, unverkaufte Bekleidung und Schuhe zu vernichten. Neue Regeln zur erweiterten Herstellerverantwortung sollen dafür sorgen, dass Produzentinnen und Produzenten an den Kosten für Sammlung, Sortierung und Verwertung beteiligt werden.
Damit verschiebt sich Nachhaltigkeit von der freiwilligen Markenbotschaft zur betrieblichen Infrastruktur. Unternehmen müssen Daten über Materialien und Lieferketten beherrschen, Produkte anders konstruieren und Verantwortung über den Verkauf hinaus übernehmen. Für kleinere Labels kann das teuer und organisatorisch anspruchsvoll sein; für große Konzerne ist es eine gewaltige Umstellung. Zugleich schützt eine gemeinsame Regulierung jene Unternehmen, die ernsthaft investieren, vor Wettbewerberinnen und Wettbewerbern, deren grüne Aussagen vor allem aus Marketing bestehen.
„Wahre Qualität lässt sich nicht beschleunigen – sie entsteht durch Beständigkeit, Neugier und den ständigen Wunsch, Dinge besser zu machen.“
David Thörewik, CEO Kammermitglied ETON
Die wichtigste Erkenntnis lautet jedoch: Recycling allein wird das Mengenproblem nicht lösen. Viele Mischgewebe lassen sich bislang nur schwer trennen, während Sammel- und Sortiersysteme noch im Aufbau sind. Hinzu kommt, dass recycelte Fasern preislich mit günstiger Neuware konkurrieren müssen. Kreislaufwirtschaft braucht deshalb nicht nur bessere Technologien, sondern auch langlebigere Produkte und einen bewussteren Konsum. Kleidung sollte möglichst lange genutzt, repariert und weiterverkauft werden können, bevor sie am Ende ihres Lebenszyklus tatsächlich zu neuer Faser wird.
Am Ende führt der Weg zurück nach Essen. Die lange Schlange vor Lager 157 zeigt, wie stark das Versprechen günstiger, unkomplizierter Kleidung in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wirkt. Es wäre zu einfach, dieses Publikum für seine Preisorientierung zu kritisieren. Erschwinglichkeit ist eine soziale Qualität. Wer über nachhaltige Mode spricht, muss auch beantworten, wie Menschen mit durchschnittlichen oder geringen Einkommen daran teilhaben können.
Ebenso unzureichend wäre es allerdings, niedrige Preise schon als demokratisch zu feiern. Wenn ökologische Schäden, prekäre Arbeit oder wachsende Abfallberge aus dem Preisschild ausgelagert werden, zahlen andere. Die Zukunft der schwedischen Mode entscheidet sich deshalb an einer anspruchsvolleren Form von Zugänglichkeit: an Produkten, die bezahlbar und zugleich so gut gestaltet sind, dass sie lange genutzt werden können; an Geschäftsmodellen, die Reparatur und Wiederverkauf nicht als Nebensache behandeln; und an Informationen, mit denen Käuferinnen und Käufer tatsächliche Qualität erkennen können.
„Herkunft allein verkauft noch kein Produkt. Wenn aber nachvollziehbare Produktion, hohe Qualität und eine lange Nutzungsdauer zusammenkommen, entsteht ein überzeugendes Gesamtpaket.“
Jesper Rodig, Geschäftsführer Scandic Outdoor

Schweden bringt für diese Aufgabe bemerkenswerte Voraussetzungen mit. Das Land besitzt eine starke Gestaltungstradition, international erfahrene Marken, textile Forschung, digital affine Verbraucherinnen und Verbraucher und eine Kultur, in der Funktionalität und gesellschaftliche Verantwortung zum guten Design gehören. Zugleich verkörpert gerade die schwedische Modeindustrie die Widersprüche, die sie überwinden muss: globale Expansion und begrenzte Ressourcen, niedrige Preise und faire Kosten, schnelle Begehrlichkeit und lange Nutzung.
Ihre Stärke liegt weniger in einem eindeutig schwedischen Look als in der Fähigkeit, diese Gegensätze immer wieder praktisch zu bearbeiten. Das weiße Hemd, das farbige Kleid, die Merinosocke und das günstige T-Shirt liefern verschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Was ist gute Kleidung für viele Menschen? In Essen ist die Nachfrage offensichtlich. Nun müssen die Unternehmen zeigen, wie tragfähig ihre Antworten sind.
Wie solche Antworten konkret aussehen können, zeigt die Ausstellung „Fashion.Forever“ an der HAW Hamburg: mit nachhaltigen Materialien, kreislauffähigen Konzepten und textilen Innovationen aus Schweden. Ein Besuch lohnt sich für alle, die sehen wollen, wohin sich die Mode von morgen bewegt.
Ausstellung: Fashion.Forever
Ausstellungsdauer: 7. Oktober 2026 bis 30. Oktober 2026 (evtl. Verlängerung)
Vorträge: Jeden Dienstag, um 19.00 Uhr: digitaler Vortrag zu einem schwedischen Mode- oder Textil-Thema
Ort: HAW / Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg / Fakultät Design, Armgartstraße 24, 22087 Hamburg
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, von 7.00 Uhr bis 21.00 Uhr