Zurück

// WO SEGELN VOLKSSPORT IST

Ein Segeltörn beschäftigte die halbe Welt: die Schwedin Greta Thunberg schipperte über den Nordatlantik. Es wurde viel darüber diskutiert, ob dies mehr sei als ein – zweifellos wirkmächtiger – PR-Coup. Dabei blieb jedoch ein Aspekt unbeleuchtet: In Schweden ist das Segeln ein echter Volkssport und der Gedanke, auf diese Weise auch größere Distanzen zu überwinden, keineswegs abwegig.


Foto: Simon Paulin/imagebank.sweden.se

Das Land hat 3.218 km Küste. Addiert man alle Buchten und Landzungen, sind es gar 8.000 km Küstenlinie. Große Abschnitte davon sind Schärengebiete, die sich hervorragend zum Segeln anbieten. Es gibt so viele kleine Inseln mit Naturhäfen, dass sich auch in der Hochsaison meist mühelos ein schöner Platz finden lässt. Über 60.000 Inseln zählt das Land, die Hälfte davon im Stockholmer Schärengürtel. Neben dieser so abwechslungsreichen Küstenlinie finden sich zahlreiche und ausgedehnte Binnenreviere mit unglaublichen 95.000 schiffbaren Seen. In vielen steht den Seglern eine hervorragende Infrastruktur zur Verfügung. In Schweden gibt es über 1.500 Freizeithäfen, 400 davon sind qualifizierte Gasthäfen. Besonders reizvoll ist die Möglichkeit, das Land von West nach Ost über Kanäle zu durchqueren. Der Vänern ist mit 5.650 km² der größte See der Europäischen Union, ein regelrechtes Binnenmeer. Durch den Göta-Kanal ist der Vänern sowohl mit der Ostsee als auch mit dem Skagerrak verbunden. Zusammen mit dem Trollhätte-Kanal und dem Göta älv bildet er eine 390 km lange Wasserstraße quer durch Schweden, die einen Höhenunterschied von 91,5 m überwindet. Andere kleinere Kanäle wie der Dalslandkanal summieren sich auf insgesamt 1000 km und sind oft echte Geheimtipps.

Zugänglich für jedermann
In den Häfen liegen kleine und große Yachten ganz selbstverständlich nebeneinander. Fast jeder kann sich das Segeln leisten, ein Segelschein ist nicht gesetzlich vorgeschrieben. Wer sich traut, mietet oder kauft sich ein Boot und segelt los. Navigationskünste sind allerdings erforderlich. Besonders tückisch sind in vielen schwedischen Gewässern Untiefen, Bereiche mit geringer Tiefe unter der Wasseroberfläche. Jeder Segler sollte deswegen ein Navigationsgerät (GPS) und Seekarten dabeihaben. Es gilt das Allemansrätt.

„Ich liebe Segeln, weil ich mich an einem Wochenende auf See genauso gut erholen kann wie in einer Woche in der Stadt. Und weil es die beste und umweltfreundlichste Art ist, die Familie in Göteborg zu besuchen!“, 
sagt JCC-Mitglied Lina Wiedenbach.


Und die Schweden sind echte Wasserratten: Ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung des Landes fährt mindestens einmal in der Saison mit einem Freizeitboot. Es gibt gut 1.000 Bootclubs mit 250.000 Mitgliedern. So eine Massenbewegung ist natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor: Schwedens Bootsindustrie bietet Exporteinkommen und Arbeitsplätze, nicht zuletzt in dünn besiedelten Gebieten. Auch der Segeltourismus stellt für die Häfen eine wichtige und zunehmende Einnahmequelle dar. Laut dem Verband der Gasthäfen (RGS) wurden allein durch die Übernachtungen in den Gasthäfen 2017 gut 90 Millionen Euro erwirtschaftet; mehr als ein Drittel davon durch ausländische Boote.

Die schwedische Bootsindustrie produzierte 2017 Boote für gut 120 Millionen Euro, mehr als die Hälfte davon gingen in den Export. Der Anteil der Segelboote ist mit 283 Stück hier allerdings überschaubar, den Löwenanteil machen kleine und mittlere Motorboote aus. Die Bootsindustrie ist besonders deswegen wichtig für Schweden, weil sie häufig in eher beschäftigungsarmen Gebieten wie Orust /Tjörn, Gotland, Värmland, Småland und an einigen Orten in Norrland angesiedelt ist. Ungefähr 4.000 Menschen sind direkt in der schwedischen Bootsindustrie beschäftigt, mit Subunternehmern und indirekten Faktoren wird die Gesamtzahl auf rund 12.000 Menschen geschätzt, die von der Bootsindustrie leben.

„Beim Segeln ist man sehr nah an der Natur und den Elementen und spürt doch oft, wie stark die Kräfte wirken können. Ich kann beim Segeln perfekt entspannen und mich treiben lassen. Besonders mag ich bei dem Sport die Herausforderungen, die man als Crew zusammen meistern muss. Da kann man am Ende des Tages schon stolz auf jede Seemeile sein“,
sagt JCC-Mitglied Maria Knoll.

Die bekannteste Werft ist deutsch-schwedisch
Eine der bekanntesten Werften für Segelboote, Hallberg-Rassy, hat eine schwedisch-deutsche DNA. Das Unternehmen geht zurück auf zwei konkurrierende Werften des Schweden Harry Hallberg und des am Starnberger See aufgewachsenen Deutschen Christoph Rassy, der Anfang der siebziger Jahre die bereits weltweit erfolgreiche Hallberg-Werft kaufte. Hallberg-Rassy steht für robuste Konstruktion, ein gut geschütztes Cockpit, schöne Holzarbeiten und einen klassischen Stil mit hohem Wiedererkennungswert.

Schweden und Segeln, das gehört also eng zusammen. Greta Thunberg, könnte man mutmaßen, hat es eben einfach in den Genen. 

Volvo Ocean Race heißt jetzt The Ocean Race
Auch das passt zur Seglernation Schweden: seit vielen Jahren ist Volvo Sponsor einer der härtesten Regatten der Welt. Alle drei Jahre führt sie einmal um die ganze Welt, startet im Herbst in Europa, durch den Atlantik, umrundet Afrika am Kap der Guten Hoffnung, führt durch den Indischen Ozean über den Südpazifik und rund um Kap Horn nach Süd- und Nordamerika und von dort wieder zurück nach Europa. Aufgrund der Wind- und Wetterverhältnisse, vor allem im Südpazifik (Wellenhöhen von 30 m und Windgeschwindigkeiten von 110 km/h), gilt die Regatta als eine der schwierigsten Herausforderungen im Segelsport. Die Regatta wird in Etappen durchgeführt. Insgesamt sind je nach Anzahl und Wahl der Etappenziele 24.000 Seemeilen (etwa 45.000 km) bis 45.000 Seemeilen zurückzulegen. Aktuell hat sich Volvo aus der Organisation zurückgezogen, sponsort aber weiter. Die berühmte Segelregatta heißt jetzt The Ocean Race.