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// WENDEJAHRE 90ER: EINE KAMMER FÜR GANZ DEUTSCHLAND

Nicht weniger als die Neuordnung der Welt stand in den Neunzigern an. Nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges brachte das letzte Jahrzehnt vor dem Jahrtausendwechsel viele Veränderungen mit sich. In Doc Martens, mit bauchfreien Tops und Plateauschuhen tanzte die Jugend zu Macarena, den Boybands, Spicegirls oder auf der Love Parade. Im Kino ging die Titanic unter, zuhause flimmerte Baywatch auf dem Fernseher. Tausende spielten Snake auf dem neuen Nokia-Handy oder hielten das Tamagotchi am Leben. In Schweden etablierten sich die Tacos als Nationalgericht und Deutschland jubelte seiner Nationalelf beim Gewinn der Fußball-WM zu. Der Beginn des Internetzeitalters und der Beitritt Schwedens zur EU veränderten die Bedingungen für den bilateralen Handel maßgeblich – die Kammer reagierte mit neuer Strategie. Die erste Jahresmitgliederversammlung nach der Wende fand 1990 in Berlin statt und beschloss – unter Akklamationen, wie das Protokoll vermerkt – die Streichung des Zusatzes „einschließlich West-Berlin“ in der Satzung der Kammer. Die Schwedische Handelskammer war nun die Interessenvertretung aller schwedischen Tochtergesellschaften im gesamten Bundesgebiet.

Doch der Verein beklagte einen Mitgliederschwund. Eifrig wurde diskutiert, wie man mehr Unternehmen für das Netzwerk begeistern könne. Auch „eine gewisse Veranstaltungsmüdigkeit“ mache sich bemerkbar, stellte man 1993 fest. Prominentere Redner und Vorträge auf Englisch wurden als Lösungen diskutiert. Neue Dienstleistungen der Kammer oder eine „Fibel für Neuankömmlinge in Deutschland“ sollten Mitglieder locken. Eine „Erneuerungsgruppe“ erarbeitete Mitte der Neunziger Vorschläge und befand, die Kammer kümmere sich nicht ausreichend um die Selbstdarstellung.

1995 stellte eine Zäsur für den Verein dar. Nicht nur trat Schweden der EU bei, was den Handel maßgeblich erleichterte. Nach über 20 Jahren ging Geschäftsführer Fred von Tobiesen in Rente, auch der langjährige Präsident Ingemar Kallenbach gab sein Amt ab. SEB-Chef Lars Thörnquist übernahm die Präsidentschaft und nach Verhandlungen, die „sehr freundlich und unkompliziert“ gewesen seien, wurde Göran Svensson als neuer Geschäftsführer eingestellt.

Unter ihm ordnete die Kammer die Mitgliederstruktur neu, um auch kleine Unternehmen stärker zu integrieren. Außerdem gab der Vorstand das Ziel aus, „Controller, Vertriebsleiter und Personalchefs für die Arbeit der Kammer zu interessieren“. Man wollte kein „Klub der Geschäftsführer“ sein. Dem wiedervereinten Deutschland mit seiner föderalen Struktur wurde Rechnung getragen, als 1997 die Geburtsstunde der Regionalgruppen schlug. „Regionale Kammerkreise“ in Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt, Berlin, Stuttgart und München sollten aus zwei bis vier Personen bestehen, von denen mindestens eine im Vorstand der Kammer tätig war. Um die regionale Präsenz in den neuen Bundesländern zu stärken, machte die Kammer gemeinsame Sache mit dem „Schwedischen Industrie – und Handelsclub zu Berlin-Brandenburg“: Der Club ging 1997 in der Kammer auf. Die Veränderungen zeitigten positive Effekte: Kurz darauf wurde das „lang erwartete Ziel“ von 400 Mitgliedern erreicht.

Neue Zusammenarbeit mit dem Exportrat
Das in den Siebzigern brisante Thema der Zusammenarbeit mit dem Außenwirtschaftsrat kam in den Neunzigern wieder auf den Tisch des Vorstands. „Das ehemalige Joint Venture zwischen Staat und Wirtschaft scheint wieder aktuell zu werden“, hieß es – diesmal sollte es jedoch ein produktiveres Ergebnis mit sich bringen. 1992 beschloss der Exportrat, alle Regionalbüros, darunter auch das Hauptbüro Düsseldorf, zu schließen und die Aktivitäten in Berlin zu konzentrieren. Nur Stuttgart blieb als Zweigstelle erhalten. Nach Verhandlungen zwischen der Kammer und dem Außenhandelsbeauftragten Hans Jannö unterzeichneten beide Parteien 1993 einen Vertrag, in dem die Kammer Aufgaben des Exportrats übernahm. Jannö wurde in den Vorstand der Kammer gewählt und eine neue Ära guter Zusammenarbeit begann.

Die Geschäftsstelle war Ende 1991 in die Berliner Allee in Düsseldorf gezogen, weil dort das Handelsbüro des Außenwirtschaftsrats residierte. Die jährlichen Mehrkosten von 13.000 Mark führten zwar zu Diskussionen im Vorstand, doch der Mehrwert, den man sich von den Synergien durch die Nähe zum Exportrat versprach, überwog. Schon 1993 verließ dieser jedoch die Berliner Allee und auch die Schwedische Botschaft in Bonn zog 1999 nach Berlin. Wie Schweden in Zukunft formell in Westdeutschland vertreten sein sollte, beschäftigte die Entscheidungsträger in der Kammer. Sollte ein Konsulat eröffnet werden, das die Funktionen des Kammergeschäftsführers und des Konsuls vereinte? Man entschied sich gegen die Vermischung von Diplomatie und Wirtschaft und konzipierte stattdessen das „Schweden-Center“, das 1998 in der Berliner Allee eröffnete und schwedischen Tochtergesellschaften Arbeitsplätze bot.

Die Kammer geht online
Die zunehmende Entwicklung der Informationstechnologie schlug sich auch in der Arbeit der Kammer nieder. Achtzig schwedische Unternehmen in Deutschland arbeiteten in der IT-Branche, erläuterte Geschäftsführer Göran Svensson Ende der Neunziger, ein Umstand, der es dringend nötig mache, dass die Kammerdienstleistungen sich dieser neuen Branche anpassen müssten. Vorstandsmitglied Alexander Foerster schlug die „Einführung einer eigenen webside im Internet“ vor, die 1999 aufgebaut wurde. „Die Entwicklung der Informationstechnologie durch die Homepage ist so rasant, dass sie auch das Jahrbuch und die Kammerzeitschrift betreffen wird“, glaubte Svensson. Es sei „nicht auszuschließen, dass viele Informationen eher über das Internet zur Verfügung gestellt werden müssen“. Er sollte nur teilweise Recht behalten: Während das Jahrbuch nur noch zehn Jahre gedruckt werden würde, hält sich das Kammermagazin Schweden AKTUELL bis heute.

90er Jahre in der Geschichte
1990    Deutschland wird zum 3. Mal Fußballweltmeister in Italien.
1990    Deutschland wird wiedervereint.
1991    Das beliebte Videospiel Super Nintendo wird auf den Markt gebracht.
1991    Der letzte Trabant rollt aus der Fabrik im sächsischen Zwickau.
1992    Bill Clinton wird zum 42. Präsident der USA gewählt.
1993    Adobe Systems lanciert die Software Adobe Acrobat und das PDF-Format.
1993    Der Vertrag von Maastricht tritt in Kraft und die EG wird zur EU.
1994    Die Fähre Estonia geht auf ihrer Fahrt von Tallinn nach Stockholm unter. 852 Menschen sterben.
1994    Schweden erreicht den 3. Platz in der Fußballweltmeisterschaft in den USA, und das schwedische WM-Lied „När vi gräver guld i USA“ gehört seitdem zu den beliebtesten Fangesängen Schwedens.
1995    Schweden wird der 14. Mitgliedsstaat der EU.
1997    Diana, Prinzessin von Wales, kommt in einem tragischen Autounfall ums Leben.
1999    Günter Grass gewinnt den Nobelpreis in Literatur.