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// Turbulente Jahre: Kammer in Not

// Turbulente Jahre: Kammer in Not

Lange Haare, Flower Power und Rasterfahndung: Die Siebziger waren ein bewegtes Jahrzehnt. In Schlaghosen gekleidet protestierten die Bürger gegen den Vietnamkrieg, Bundeskanzler Willy Brandt trieb mit seinem Warschauer Kniefall die versöhnliche Ostpolitik voran und die Rote-Armee-Fraktion hielt Deutschland in Atem. Die Grünen wurden gegründet, zuhause lag der Flokati-Teppich und aus der Stereoanlage klang ABBA. Schweden wurde mit seinem jungen Regierungschef Olof Palme bekannt, der kein Blatt vor den Mund nahm, und feierte seinen Winter-sporthelden Ingemar Stenmark. Und die Kammer? Kämpfte.

1970 – 1979

Nach der Reichstagswahl 1970 in Schweden hatte die Regierung beschlossen, die Exportförderung umzuorganisieren. Handelssekretäre sollten nun für die schwedischen Firmen, die in Deutschland tätig werden wollten, verantwortlich sein. Platz für die Schwedische Handelskammer sah der Staat nicht mehr und stellte den in den zehn Jahren zuvor gewährten Beitrag für das Budget der Kammer kurzerhand „und ohne vorherige Beratung mit dem Vorstand der Handelskammer“, so vermerkt es das Protokoll der Vorstandssitzung, ein. Doch nicht nur die Finanzen der Kammer gerieten in Bedrängnis. Der schwedische Staat war auch daran interessiert, den Namen „Schwedische Handelskammer“ zu übernehmen. Der Vorstand begann, Gespräche mit dem Exportrat zu führen und diskutierte untereinander während mehrerer Jahre verschiedene Vorschläge, wie die Arbeit der Kammer in Zukunft aussehen könne.

Deutschland ist kein Entwicklungsland

Eine Fusion mit der staatlichen Exportförderung, die Bildung eines Schwedenkomitees mit dem Botschafter oder ein Verkauf des Namens und fortgesetzte Tätigkeit des Vorstands als beratendes Gremium des Handelssekretärs bis hin zur Gründung eines schwedischen „Industrie- und Handelsclubs“ kamen aufs Tapet. Es waren „außerordentlich ausführliche Diskussionen“, die den Vorstand angesichts der prekären Lage beschäftigten.
„Wenn man mit Handelssekretären arbeitet, muss deren Amtszeit mindestens 6 bis 10 Jahre betragen“, argumentierte Vorstandsmitglied Boman in den frühen Siebzigern. Sich mit den Gegebenheiten in Deutschland vertraut zu machen wäre nicht in nur drei Jahren möglich. Die Vertreter der schwedischen Unternehmen in Deutschland waren im Allgemeinen irritiert über die Versuche von verschiedenen Seiten in Schweden, „Deutschland als Entwicklungsland mit einem Fernglas aus Schweden zu beobachten und so verstehen zu wollen“. Deutschland könne man keine Waren aufzwingen, die Deutschen seien weltgewandt und kultiviert und wüssten genau, was sie verlangen könnten. Dass das in Schweden nicht verstanden würde, liege daran, dass die lokalen Gegebenheiten unbekannt seien und von vorrübergehend Entsandten nicht erfasst würden.
Die stärkere Verstaatlichung der Exportförderung und das de facto Ausschalten der ehrenamtlich tätigen Privatwirtschaft sei politisch heikel. „Eine derartige Veränderung würde, wie ich die deutsche Mentalität kenne, als ein weiterer Schritt ostwärts empfunden werden“, warnte Åke Simonsson, Generalkonsul in Frankfurt und Vorstandsmitglied.

In den Wirren dieser Unsicherheiten stellte die Kammer 1971 schließlich ihre Aktivität ein. Das gesamte Personal wurde entlassen, nur der Geschäftsführer Hedin blieb im Amt. Er zeigte sich mit der Situation unglücklich und berichtete dem Vorstand eindringlich, dass er eine „beachtliche psychische Belastung“ empfinde, die Services, die zuvor von spezialisierten Mitarbeitern angeboten wurden, in keinster Weise abdecken könne und sich außerdem sorge, ob er in seinem Alter noch eine neue Stelle finden würde.

Über ein halbes Jahrzehnt ging es hin und her zwischen Stockholm und Düsseldorf. Neue Vorschläge, neue Gespräche – doch die Kammer war nicht bereit, sich aufzulösen. Man wollte die Wirtschaft stärken und vertreten und nicht durch Bürokraten ausgebremst werden. Der Name Handelskammer sei mit Prestige verbunden und dürfe nicht weggegeben werden, fand Vorstand Erik Braunerhielm. Man wollte eine Mitgliederorganisation bleiben und entschloss sich, diese „äußerst sensible Frage“ an die Mitglieder weiterzugeben.

Die Praktikantenbibel informiert

In einer „Reaktivierungs- und Rettungsaktion“ spendeten die Mitglieder 60.000 DM an die Kammer, um deren Aktivität und Fortbestand zu gewährleisten. Man zog in kleinere Räumlichkeiten und die Jahresmitgliederversammlung gestattete 1975 eine Satzungsänderung, die ermöglichte, dass die Kammer nun auch kommerziell tätig wurde und Einnahmen durch den Verkauf von Dienstleistungen an deutsche und schwedische Unternehmen generierte. Die Kammer sollte fortan als Organisation wirken, die sich weniger der Etablierung neuer Tochtergesellschaften widmete, sondern stattdessen Networking ermöglichte, als Sprachrohr für andere Organisationen mit ähnlichen Interessen fungierte, über Zollbestimmungen und Wirtschaftsrecht informierte und PR-Arbeit für schwedische Produkte leistete. Mit dieser Neuausrichtung stellte die Kammer ihren neuen Geschäftsführer, Fred von Tobiesen, an und nahm ihre Arbeit wieder auf. Mittlerweile war die Kammer offiziell als Interessensvertretung im Bundestag anerkannt worden und konnte nun an Treffen der Bundestagsauschüsse teilnehmen. Der schwedische Staat legte sich 1976 darauf fest, seine Entsandten Handelsbeauftrage zu nennen und keine weiteren Ansprüche auf den Namen „Schwedische Handelskammer“ zu erheben. Die Kammer war wieder back in business: Pläne für einen Besuch beim ersten IKEA in Deutschland wurden geschmiedet, Glückwunschtelegramme an den König zu seiner Hochzeit mit der Deutschen Silvia Sommerlath versandt, und 250 Anfragen jährlich an die Kammer – meist Dienstleistungen, Adresslisten und Gesetze betreffend – bearbeitet.

Auch mit dem schwedischen Staat näherte man sich wieder an. Anfang 1977 informierte die Kammer gemeinsam mit den Handelssekretär Interessierte in der Westschwedischen Handelskammer über den deutschen Markt.
Schließlich fanden auch die Praktikanten, die zuvor einen wichtigen Teil des Personals ausgemacht hatten und für die „besondere Sorge“ getragen werden sollte, ihren Weg zurück in die Geschäftsstelle. In der „Praktikantenbibel“, die bis heute erhalten ist, wurden sie klar über ihre Aufgaben instruiert: Ferngespräche sollte nur in Ausnahmefällen getätigt werden, um Informationen über Unternehmen einzuholen müsse man einen Coupon aus dem „Schimmelpfeng“-Heft ausfüllen und die Lochkartenkartothek gab Aufschluss darüber, ob ein schwedisches Unternehmen Vertreter in Deutschland habe. Eine Übersicht der Frequenzen von Radio Schweden, die sich je nach Uhrzeit änderten, fand sich ebenso wie eine Checkliste von Ausländeramt bis Arztformular in der Praktikantenbibel, deren Lektüre die jungen Kollegen mit Unterschrift bestätigen mussten.
Die fortschrittliche gesellschaftliche Stimmung der Siebziger fand ihren Ausdruck auch im Vorstand der Kammer: Hatte man Anfang der Siebziger noch gesonderte Damenprogramme für die Veranstaltungen der Kammer angeboten und „Shoppingguides“ an die Ehegattinnen verschickt, wurde 1977 die erste Frau, Ann Idstein, für ein Jahr in das Gremium gewählt.

Am Ende des Jahrzehnts stand das 20-jährige Jubiläum des Vereins, der die stürmischen Zeiten erfolgreich navigiert hatte. Feiern wollte der Vorstand jedoch nicht – noch nicht. Zum 25. Geburtstag wollte man „auf die Pauke hauen“...

70er Jahre in der Geschichte
1970       Sveriges Television strahlt erstmal in ganz Schweden in Farbe aus
1970       Die Beatles lösen sich auf
1971       Die erste E-Mail wird versandt
1972       Olympische Spiele in München
1972       Die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR beginnen sich allmählich zu normalisieren
1973       König Gustav VI. Adolf von Schweden stirbt und wird von seinem Enkel Carl XVI. Gustafabgelöst
1973       Geiseldrama am Norrmalmstorg
1973       Ölkrise
1974       Die Watergate-Affäre zwingt US-Präsident Nixon zum Rücktritt
1974       ABBAs Song „Waterloo“ gewinnt den Eurovision Song Contest für Schweden in Brighton
1974       Deutschland wird Fußball-Weltmeister
1975       Ende des Vietnamkriegs
1975       Microsoft wird gegründet
1975       Das Volljährigkeitsalter in Deutschland wird auf 18 Jahre herabgesetzt
1976       Apple wird gegründet
1976       Carl XVI. Gustaf heiratet Silvia Sommerlath, die Schwedens neue Königin wird
1976       Schweden wählt zum ersten Mal seit 1936 eine bürgerliche Regierung
1977       Der Science-Fiction-Film „The Star Wars“ hat Premiere und wird zu einem der beliebtesten Filme der Filmgeschichte
1977       „Deutscher Herbst“: Die Rote-Armee-Fraktion (RAF) verübt mehrere Terroranschläge
1977       Die heutige Schirmherrin der Kammer Kronprinzessin Victoria wird geboren
1977       Elvis Presley stirbt
1978       DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn fliegt als erster Deutscher ins All
1978       Drei-Päpste-Jahr
1979       Islamische Revolution im Iran

Von: Helen Hoffmann