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// Trendwende in der Urbanisierung? Während Stockholm erstmals schrumpft, wachsen die Mittelzentren

In Schweden leben 8,5 der 10 Millionen Bürger in den Städten. Trotzdem haben nur drei Metropolen mehr als 300.000 Einwohner. Das heißt, es gibt zahlreiche Klein- und Mittelstädte, die gegen die Metropolen um die Gunst der Schweden kämpfen. Die Statistikbehörde SCB stellte schon 2015 fest, dass das Wachstum der Metropolen heute kaum noch auf Kosten der ländlichen Regionen passiere, sondern vor allem auf Einwanderung und Geburtenüberschuss beruhe. Wie in den meisten Industriestaaten ist die schwedische Bevölkerung in den letzten zwei Jahrhunderten in großer Anzahl in Städte umgezogen. Dieser Teil des Prozesses scheint jetzt vorbei, eine große Volkswanderung gibt es nicht mehr. Dennoch wächst der Anteil der Bürger, die in der Stadt wohnen. Und das Gefühl, dass das Land ignoriert wird, ist verbreitet. In einer groß angelegten Untersuchung prüfte die Stockholmer Handelskammer vor der Wahl 2018, wie die Bevölkerung im Rest des Landes die Hauptstadt wahrnimmt. Das Ergebnis zeigte einen Konflikt auf: Auf dem Lande ist man der Auffassung, dass man in Stockholm das Leben außerhalb der Metropole überhaupt nicht versteht, es gibt Neid auf die großen Infrastrukturinvestments in der Hauptstadt. Das Leben in Stockholm erscheint stressig und wirklichkeitsfremd. Zugleich sind die ländlicheren Schweden aber auch stolz auf ihre Hauptstadt und schwärmen gegenüber Ausländern gerne von der Schönheit Stockholms.

Stockholm: Ist ein Wendepunkt erreicht?
Nirgendwo sind die Auswirkungen der modernen Urbanisierung deutlicher als in der Hauptstadt. Hier wohnen fast zehn Prozent der Schweden, also ungefähr eine Million, und wirtschaftlich sowie auf dem Gebiet des internationalen Handels gibt es innerhalb Schwedens für Stockholm keine Konkurrenz. Seit dem Ende der „grünen Welle“ in den siebziger Jahren, als viele Familien mit Kindern auf das Land zogen, hat Stockholm nicht aufgehört zu wachsen. Doch das ändert sich gerade womöglich. Denn obwohl junge Leute noch in Stockholm wohnen wollen, zeichnet sich in den letzten Jahren eine Trendwende ab. Im letzten Jahr zogen 1.676 mehr Personen von Stockholm weg als hin. Besonders deutlich ist das Verhaltensmuster im Falle von Familien mit Kindern, die oft Stockholm verlassen, um entweder zu ihren Eltern aufs Land zurückzuziehen oder in einer der Nachbargemeinden Stockholms sesshaft zu werden. Warum verlassen Schweden zunehmend ihre Hauptstadt? Die Gründe sind sicherlich zahlreich und variieren von Fall zu Fall, aber es gibt zwei wichtige Hauptprobleme. Matz Dahlberg, Volkswirtschaftler an der Universität Uppsala, sieht den Wohnungsmarkt Stockholms als potentielle Ursache. 2017 kostete eine durchschnittliche Eigentumswohnung in Stockholm pro Quadratmeter fast doppelt so viel wie in Berlin. Mieten ist keine Alternative, denn in Schweden ist es viel schwieriger, Mietwohnungen zu finden. Aber auch die größeren Schwierigkeiten der Alltagsorgansiation und Mobilität in einer Metropole wie Stockholm sieht Dahlberg als Grund für den Trend zum Wegzug.

Östersund: Strategisches Stadtmarketing
Wohin treibt es die Wegziehenden? Zum Beispiel nach Östersund. Die Stadt liegt am Ufer des Sees Storsjön, etwa in der geographischen Mitte Schwedens und gut 450 km Luftlinie nordwestlich von Stockholm. Die Stadt, die kulturell schon eher nordschwedisch tickt, ist weltbekannt für ihre Wintersportmöglichkeiten. Hier wohnten zum Jahreswechsel 2019 ungefähr 63.000 Menschen; in der ganzen Provinz Jämtland Härjedalen sind es nur 130.000. Abgesehen vom Wintersport hat auch die auf Sundsvall und Östersund verteilte Universität weitläufige Anziehungskraft und die Stadt ist das einzige Handelszentrum ihrer Provinz.

Östersund wächst um 500 Einwohner jährlich
Östersund ist also eine jener kleineren Regionalzentren, die so typisch sind für die Urbanität in Schweden. Hier ist man überzeugt, dass es wertvoll ist, ein stabiles Bevölkerungswachstum zu haben. Das Projekt „Mehr Östersund“ hat aber nicht nur wachsende Einwohnerzahlen zum Ziel, sondern auch mehr Arbeit, mehr Wohnraum, mehr Lebensqualität. Das Strategieprojekt endet in diesem Jahr und hat bereits einen Bericht über die bisherige Entwicklung vorgelegt. Dieser zeigt, dass seit 2013 die Einwohnerzahl jährlich im Durchschnitt netto um 500 Köpfe gestiegen ist. Viele kommen aus der Provinz Jämtland Härjedalen oder aus anderen Ländern, aber immerhin elf Prozent der neuen Östersunder kommen aus der Hauptstadt. Eine Umfrage unter den Zuzüglern fragte nach den Gründen für die Wahl Östersunds. Als Hauptgründe wurden die Nähe zu Verwandten, ein Studium und die Freizeitmöglichkeiten angegeben, aber auch der Ort als solcher lockte. Die Nähe zur Natur spielte für fast die Hälfte eine wesentliche Rolle. Jacob Dalberg ist ein solcher Zuzügler. Zufrieden sitzt der Endfünfziger im hippen Foyer des Frösö-Hotels in der Nähe des kleinen Östersunder Flughafens. Er war weltweit erfolgreich als Manager großer Hotels tätig, zuletzt hat er ein Scandic Hotel in Stockholm geleitet, dessen innovatives Konzept gefeiert wurde. Vor einem knappen Jahr ist er hierhin ins beschauliche Östersund gezogen, leitet das Hotel, dessen Spa-Bereich weithin bekannt ist. Warum? „Das Leben in Stockholm ist hektisch, Du verbringst drei Stunden am Tag, nur um von A nach B zu kommen. Ich bin jetzt 58, und ich habe irgendwie genug davon. Hier gibt es unendlich viel Platz, vor dem Haus startet die Langlaufloipe. Heute war ich stundenlang Schlittschuhlaufen auf dem Storsjön. Ich kann hier in den Bergen auf Jagd gehen – und doch bietet Östersund alle Annehmlichkeiten einer Stadt.“ Er nimmt einen Schluck der regionalen Biermarke, die hier – typisch Nachhaltigkeitstrend – im Ausschank ist. Es gehe ihm nicht allein so, es gebe einen richtigen Trend für Leute Mitte 50, aus Stockholm rauszuziehen. „Für uns hier ist das eine richtige Zielgruppe. Wir haben zum Beispiel ein Erholungswochenendpaket entwickelt – inkl. dreistündiger Wanderung, bei der alle schweigen. Kommt super an!“ Und er sinniert: „Östersund will um 750 Menschen im Jahr wachsen. Das bringt Steuergelder und sorgt dafür, dass Geld da ist, um die erforderlichen Strukturen pflegen zu können. Und zwar die, auf die es ankommt! Die Stadt hat ein Mobilitätskonzept, forscht zum Thema E-Mobilität, aber nimmt mit einem anderen Projekt zum Beispiel auch die Bedürfnisse der Bewohner über 80 ins Visier. Das ist doch großartig!“

Gezieltes Zuzugsmarketing
Zu den Marketingmaßnahmen der Kommune gehören nicht nur Stände auf Auswanderermessen etwa in den Niederlanden, sondern auch eine jährliche Party in der Weihnachtszeit, dann also, wenn viele Studenten ihre Eltern besuchen. Unter dem Motto „Kennst Du jemanden, der grad in der Stadt ist“, werden sie als potenzielle Heimkehrer gezielt eingeladen. Eine pfiffige Idee, um Weichen zu stellen – der immerhin regelmäßig fast 100 Teilnehmer jährlich folgen. Ebenso gibt es Willkommenspartys für Neubürger. Das alles funktioniert natürlich nur, wenn es Arbeit gibt. Peter Vomacka hat eine lokale Wirtschaftsvereinigung gegründet. Er schwärmt von der Vielfalt der kleinen und mittelständischen Betriebe hier. Über 5.000 Unternehmen gebe es, viele spezialisierte Zulieferer mit weltweiter Kundschaft. „Das ist ein bisschen wie in Deutschland“, sagt er. „Diese mittelständischen Betriebe verfügen über ein phantastisches Knowhow und schaffen viele Arbeitsplätze. Auch die Nähe zur Uni mit ihren 3.000 Studenten ist natürlich förderlich. Einige internationale Firmen hätten das bereits erkannt. Maria Boberg ist „Stadtarchitektin“ bei der Kommune Östersund und arbeitet mit der langfristigen Planung des Stadtraums von Östersund. Auch Boberg meint, dass Östersund einfach größer werden muss, um den Bedarf an Facharbeitern zu decken. Und auch sie glaubt, dass die reizvolle Umgebung ein wichtiger Grund ist, hierhin zu ziehen. „Es ist die Entscheidung für einen Lebensstil“, sagt sie. „Wie die klassische Aufforderung des Aufklärungsphilosophen Rousseau, wollen die Leute „zurück zur Natur“.“ In den Umfragen erhalte die Stadt herausragende Bewertungen für ihr Friluftsliv, also alle Aktivitätsmöglichkeiten in der Natur. Aber die Stadt sorgt auch für urbane Reize und kulturelle Angebote. Das Stadtfestival Storsjöyran etwa wurde in den Sechzigern als Protest gegen die Entvölkerung der Region geschaffen. Weltbekannte Namen wie Lady Gaga traten hier bereits auf. Wer hierhin zieht, kann sein Leben entschleunigen, ohne auf das Stadtleben zu verzichten.

Zurück zur Natur
Vielleicht hat der Prozess der Urbanisierung in Schweden seine Richtung geändert. Weg vom ungehemmten Wachstum der Metropolräume, besonders Stockholms, hin zu mehr Stärke der Unterzentren. Doch die Veränderung ist weit davon entfernt, eindeutig zu sein, möglicherweise ist sie das Ergebnis von Faktoren, die noch nicht vollständig bekannt oder verstanden sind. Zu den möglichen Erklärungen gehört die kritische Haltung gegenüber Großstädten und den Wohnungsmärkten dort, die wache Agilität kleinerer Städte wie Östersund und eben auch eine Sehnsucht nach einem naturverbundeneren Leben. Ein Teilnehmer der Untersuchung der Stockholmer Handelskammer formulierte pointiert: „Das Beste an Stockholm ist, dass ich nicht dort leben muss“. Für die Hauptstadt ist das kaum eine Bedrohung, sie hat ohnehin zu wenig Wohnraum. Für Städte wie Östersund ist der potentielle Trend eine große Chance. Während man in den Großstädten versucht, das Bevölkerungswachstum mit allen Mitteln zu verwalten, mit ausgebauter Infrastruktur und neuen Wohnungen, werben kleinere Gemeinden offensiv um mehr Einwohner. Auch wenn das seit einigen Jahren richtig gut funktioniert, ein Selbstläufer ist es wohl nicht. Für Maria Boberg und die anderen, die versuchen, Leute von Östersund zu überzeugen, gibt es sicher auch zukünftig noch viel zu tun.

VON SEBASTIAN EKLUND UND PETER MARX