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// Wenn Crowdsourcing nach Johannisbeere schmeckt - Sharing Economy in Schweden

Alles ändert sich: Arbeiten wird flexibler, Produkte und Dienstleistungen werden digitaler, Materialismus ist out. Schon vor Corona waren grundlegende Mechanismen der Weltwirtschaft im Wandel, nun beschleunigt sich dieser Prozess erneut. Und auch die Beziehung zwischen Anbieter und Kunde ist nicht mehr wie früher – sie wird immer dialogischer.

Während der Teil des globalen Handels, der vollständig digital geführt wird, immer mehr zunimmt, verliert das Anhäufen materiellen Besitzes an Reiz, insbesondere bei jüngeren Menschen. Wegen des Klimawandels halten viele Verbraucher eine nachhaltige Dienstleistungslösung für intelligenter als ein absolutes Eigentum. In der Sharing Economy wird das, was früher Produkte waren, in vorübergehende Dienstleistungen umgewandelt. Firmen wie Uber und AirBnB sind mit diesem Konzept in kurzer Zeit sehr groß geworden. Denn die Autos oder Wohnungen sind eben nicht im Besitz dieser Firmen. Sie bieten lediglich Plattformen für den Kontakt zwischen den verschiedenen Marktteilnehmern an. Was diese Unternehmen nutzen, ist die Kraft der Masse, in einem Prozess, der als Crowdsourcing bekannt geworden ist.


Als Begriff ist Crowdsourcing verhältnismäßig neu, aber die Methode existiert schon seit langem, oft in Form eines Wettbewerbs, der von einer Regierung oder Institution ausgeschrieben wird, um wertvolle Ideen zu gewinnen. Crowdsourcing bedeutet, dass die Quelle (englisch source) von Arbeit, Ideen oder Gütern in der Menge (englisch crowd) liegt. Dadurch wird mit Crowdsourcing eine große Ergebnisvielfalt erreicht, oft auch eine erhöhte Geschwindigkeit des Prozesses. Ein Beispiel dafür ist „reCAPTCHA“, ein Dienst, der das Netz gegen Spam schützt und gleichzeitig Bücher digitalisiert. Millionen Menschen haben freiwillig durch das Lösen von Captchas zu den Ergebnissen beigetragen, heute ist der Dienst Teil von Google. Aber auch außerhalb der digitalen Welt wird Crowdsourcing genutzt, um die Gesellschaft zu verbessern und durch die Macht der Menge wirtschaftliche Vorteile zu erlangen.

Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich verändern – so lautet eine oft genannte Forderung in Folge der aktuellen Corona-Krise. Die Flexibilität der Sharing Economy könnte ein Lösungsansatz sein; Crowdsourcing ist eine Methode, der es gelingt, das volle Potenzial des Internets erfolgreich zu nutzen und gleichzeitig Menschen zusammenzubringen: eine Form von Kollektivismus, bei dem Enthusiasten Unternehmen bei Produktentwicklung und Marketing helfen.

Schweden als ein Pionier der Digitalisierung gilt als besonders fruchtbarer Ort zur Förderung der Möglichkeiten von Crowdsourcing. Mit seiner Wettbewerbsfähigkeit durch schnelles Internet und gute digitale Infrastruktur kann das Land mit verschiedenen Projekten aufwarten, die als Best Practice für andere Länder dienen können. 

Poppels - der Geschmack von Crowdsourcing
Beim Crowdsourcing geht es nicht nur um geniale Tech-Startups, um einen Markt neu zu organisieren. Auch ganz neue Produkte werden in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden durch Crowdsourcing entwickelt. Die Göteborger Brauerei Poppels braute so 2014 Schwedens erstes Crowdsourcing-Bier.

Die Poppels-Brauerei wollte ein neues Johannisbeer-Bier auf den Markt bringen und von Anfang die Kunden involvieren. Sie luden Privatpersonen ein, die Beeren für das Bier zu sammeln, zum Dank erhielt jeder Mitwirkende eine Verkostung und seinen Namen auf den Flaschen. Die Kunden waren begeistert: im ersten Jahr beteiligten sich 50 Schweden, zwei Jahre später gab es mehr als 1000 freiwillige Beerensammler. Dem Unternehmen hat das öffentliche Engagement genutzt: Die ehemalige Mikrobrauerei Poppels ist mittlerweile gewachsen und verkauft auch außerhalb von Göteborg Bier. 

Mapillary - Zusammen die Welt kartografieren
Wer wagt es, den Megakonzern Google in einem seiner Kernbereiche herauszufordern? Die schwedische Crowdsourcingfirma Mapillary. Sie verfolgt ein erstaunlich ehrgeiziges Projekt: die ganze Welt kartografieren mit ehrenamtlichen Laien und deren Smartphones.

Seit 2013 erstellt sie Karten mit georeferenzierten Fotos, also Fotos mit Angaben zum Standort. Das Material kommt ausschließlich von den Nutzern, die heute in 190 Ländern zu finden sind. So funktioniert es: der Anwender lädt die Mapillaryapp herunter, erhält Zugang zu den Karten der App sowie ihre Streetview-Funktion und kann mit seinem eigenen Bilden zu Mapillary beitragen. Das Ergebnis besteht aus ungewöhnlich genauen Daten über die physische Welt, die in einem breiten Spektrum von Bereichen verwendet werden können. Insbesondere kooperiert Mapillary mit Unternehmen, die selbstfahrende Autos entwickeln, um deren Software mit besseren Datengrundlagen zu versorgen. Obwohl Mapillary einen kaum verhohlenen Stolz darauf zu haben scheint, nicht bei Google zu sein, arbeiten sie seit 2018 mit einer anderen amerikanischen Megafirma, Amazon, zusammen. Mappilary nutzt „Amazon Recognition“, um die Texte von Straßenschildern zu lesen.

Karma - Die Win-Win-Win-App
Umweltfreundliches Verhalten für die breite Bevölkerung attraktiv zu machen, ist eine der größten Herausforderungen bei der Bekämpfung des Klimawandels. Die schwedische Crowdsourcingfirma Karma bietet eine Lösung an. Per App minimiert sie die Lebensmittelverschwendung, indem sie Besitzer von Restaurants, Supermärkten oder Bäckereien mit Kunden zusammenbringt. Auf diese Weise gibt es drei Gewinner: das Klima, die Eigentümer und die Kunden. Die Verkäufer bieten Überschussware über die App an und Privatpersonen können die Lebensmittel zum reduzierten Preis kaufen.

Leser von Schweden Aktuell kennen das Konzept von der Firma Too Good to Go. Während Karma in den vier Jahren seit seiner Gründung hauptsächlich in Schweden aktiv war, kommt Too Good To Go aus Dänemark und hat seit seiner Gründung 2015 auf dem europäischen Markt stark expandiert, auch in Deutschland. Da Too Good To Go sich aktuell auch in Schweden etabliert, hat Karma also Konkurrenz bekommen – möge der Wettbewerb die gute Sache beflügeln.

Heute findet man Karma-verbundene Firmen in 225 Städten, die meisten in Schweden aktiv, aber die „Zero-Waste“-Bemühung hat sich auch auf Frankreich und Großbritannien ausgedehnt. Die mit der App verbundene Online-Gemeinschaft ist so entwickelt, dass sie das Verbreiten von Karma in neuen Städten so leicht wie möglich macht. Wer neue Verkäufer anwirbt, bekommt auch eine Ermäßigung.

Skjutsgruppen - Das neue Gesicht der Fahrgemeinschaften
Auch bereits bestehende Konzepte können durch Crowdsourcing gewinnen – oft werden sie regelrecht revolutioniert. Ein Beispiel dafür ist der Verein Skjutsgruppen, der per App Kontakt zwischen Menschen, die gemeinsam fahren möchten, vermittelt. Der Benutzer gibt ein, wohin er fahren will oder wird und wird mit Menschen zusammengebracht, die sich für die Route interessieren. Das Ziel heißt Nachhaltigkeit und die „Bewegung“, wie die Gründer ihre Initiative bevorzugt nennen, ist ehrenamtlich. Die Benutzer können die Fahrkosten fair aufteilen oder ganz auf Bezahlung verzichten. Immerhin 10.000 Downloads verzeichnet die App bereits.

Vuollerim - Crowdsourcing auf Dorfebene im Polarkreis
Im hohen Norden Schwedens, am Polarkreis, liegt das kleine Dorf Vuollerim. Etwa sechshundert Leute wohnen hier und viele davon haben beigetragen, dass ihr Dorf weltbekannt wurde. Denn hier in der Wildnis der lappländischen Wälder und Gebirge, gibt es eine florierende Crowdsourcingbewegung. Als der größte lokale Arbeitgeber die Aktivität im Kraftwerk Vuollerim verringerte, sind die Einwohner zusammengekommen. Das erste Ergebnis war eine wirtschaftliche Vereinigung, die Unternehmer und Bürger zusammenführte. Die Vereinigung kaufte Unternehmen, die für das lokale Leben wichtig waren und die in der Existenz bedroht waren, zum Beispiel den Eisenwarenhandel. Der Erfolg machte den Einwohnern Lust auf mehr von dieser analogen Variante von Crowdsourcing.

Heute kann man in Vuollerim sieben Crowdsourcingbetriebe finden, die zwischen fünfzig bis einhundertfünfzig Eigentümer haben. Ihr Tätigkeitsbereich liegt in dem, was für das Dorf nutzbar ist, zum Beispiel Tourismus, Käseproduktion und Bildung. Damit haben die Einwohner ihr Dorf weltbekannt gemacht. Zwei Mal war Vuollerim Gastgeber für die Internationale Vereinigung „Crowdsourcing Week“, die Unternehmer, Experten und Wissenschaftler aus der ganzen Welt anzieht. Der Gründer Epi Ludvik beschreibt die Entwicklung in Vuollerim als ein Beispiel dafür, was Crowdsourcing für das Leben auf dem Land bedeuten könnte. Vuollerim beweist: Crowdsourcing ist nicht nur etwas für brillante Tech-startups in den Großstädten ist, sondern kann auch das Leben auf dem Land durch Innovation und Gemeinschaft verbessern.

SprinkelBit - Mit Crowdsourcing investieren lernen
Warum nicht den Profis folgen? Das ist der Slogan der schwedischen Firma SprinkelBit, einem Investitionssimulator, der Wissen selbst als Material für Crowdsourcing benutzt. Die Idee ist verhältnismäßig einfach: man lernt am besten durch Übung und von anderen, die mehr Erfahrung haben. Obwohl man heute auch mit SprinkelBit echtes Geld investieren kann, liegt der Schwerpunkt immer noch auf virtuellem Lernen, um seine Fähigkeiten als Investor zu verbessern. Bei der Registrierung bekommt der Benutzer 5.000 SprinkelBucks, die Währung der Plattform, um sie frei zu investieren wie er oder sie möchte. Die Plattform bietet die Möglichkeit, die Aktivitäten erfolgreicher Investoren zu verfolgen und mit Gleichgesinnten über den Aktienmarkt zu reden. Dadurch bekommt man wertvolle Informationen darüber, wie die Börse funktioniert und was eine gute Investition ausmacht. Der Gründer Alexander Wallin hat es durch SprinkelBit von der westschwedischen Insel Tjörn nach New York geschafft. Aus seiner Idee, investieren mit Hilfe von Crowdsourcing und Technologie einfach zu machen, entwickelte sich ein globales Unternehmen mit Zehntausenden von Benutzern.