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// New Work - Nur ein hippes Buzzword?

Was steckt hinter dem populären Konzept? 
Arbeiten, wann man möchte, wo man möchte, wie man möchte: Als Freelancer auf der Couch oder im Café, als Arbeitnehmer am klassischen Arbeitsplatz aber dafür nur fünf Stunden täglich oder als Gründer im Coworking-Space mit Kreativlounge. Klingt utopisch und irgendwie auch esoterisch? In vielen Unternehmen und im Alltag vieler Menschen ist das bereits gang und gäbe. Und mit ihrem Vorschlag einer Vier-TageWoche bringt Finnlands neue Ministerpräsidentin Sanna Marin das Konzept New Work sogar in die Schlagzeilen.

Im Anfang war der Antikapitalismus
Doch woher stammt eigentlich diese Idee des Neuen Arbeitens? Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass sie in ihrem Ursprung die Grenzen der Arbeitswelt verlässt und sich viel eher in hochpolitischen Sphären bewegt. Der österreichisch-amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann entwickelte New Work als Gegenmodell zum Kapitalismus. Seine Kritik galt vor allem der Vorstellung des Menschen als Arbeitskraft, als Mittel zum Zweck. Von genau dieser wollte Bergmann weg, hin zu einer Auffassung des Arbeitsnehmers als Individuum und eigenständige Persönlichkeit. Nicht der Mensch solle für kapitalistische Interessen ausgenutzt werden, vielmehr solle der Mensch selbst von seiner Arbeit profitieren, einen Mehrwert in ihr sehen und seine eigene Persönlichkeit in einer Gemeinschaft entfalten können. Bergmanns New Work beinhaltete drei wesentliche Aspekte: Freiheit, Selbstverantwortung und soziale Teilhabe. Doch während der Sozialphilosoph damit die Kluft zwischen Arm und Reich überwinden, die Landflucht verhindern und die Verschwendung von Ressourcen aufhalten wollte, wirkt New Work in der heutigen Zeit kaum noch politisch, sondern vielmehr als hippes Buzzword. Was ist heute noch von seinem revolutionären Geist zu spüren?

Alte Denkmuster aufbrechen und überwinden
Der Wandel der Industriegesellschaft hin zur Wissensgesellschaft sollte eigentlich niemanden mehr überraschen. Dass das Internet eben kein Neuland und die Digitalisierung das Hier und Jetzt eines jeden bestimmt, ist Realität. Die Globalisierung mit ihrer weltweiten Vernetzung schreitet täglich weiter voran und mit ihr neue Technologien und Möglichkeiten. Jedoch scheinen unsere Köpfe zumindest in der Arbeitswelt noch alten Regeln und Normen zu folgen. New Work versucht diese alten Denkmuster aufzubrechen und zu überwinden. Denn die Neue Arbeit bedeutet auch neues Denken, neue Konzepte und auch neue Dimensionen. Doch wer nun ein allgemeintaugliches Geheimrezept erwartet, muss leider enttäuscht werden. Eine Schablone, die auf jede Arbeitssituation, jedes Büro und jeden Arbeitnehmer gelegt werden kann und am Ende einen perfekten Arbeitsalltag und rundum zufriedene Mitarbeiter schafft, gibt es nicht. Viel eher geht es darum, verschiedene Ansätze und Ideen auszuprobieren, diese individuell abzuändern und stets weiterzuentwickeln. Hierbei sind Fehler und Rückschläge auch erlaubt. Die Einsicht, dass nicht jedes Konzept zu jedem Unternehmen oder jedem Menschen passt, ist ebenso wichtig, wie der Mut, Veränderungen zu wagen. Denn nicht jeder ist durch eine Arbeitszeitverkürzung produktiver und nicht jeder braucht eine schicke Chill-Out-Area. New Work bedeutet, den Menschen im Mittelpunkt zu sehen und um ihn herum ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln, welches eine Balance zwischen dem Individuum, den Zielen des Unternehmens und den Anforderungen der Gesellschaft schafft. Im Praktischen sind der New Work keine Grenzen gesetzt. Sie beginnt bei neuen Erwartungen der Menschen an ihre Arbeit und neuen Vorstellungen der Personaler, geht weiter bei der Neugestaltung des Arbeitsplatzes und der Arbeitszeiten und zieht sich durch bis hin zu neuen Managementskills.

Grenzen der New Work
Aber kann jeder Job neu gedacht werden? In vielen Branchen, beispielsweise in der Pflege oder im Handwerk, erscheint New Work doch eher als Utopie. Und nicht jeder hat das Bedürfnis, 24 Stunden online und erreichbar zu sein und seinen Küchentisch zum Arbeitsplatz zu machen. Die Gefahr, dass New Work nur als inflationär genutzte und leere Hülse in Stellenausschreibungen oder Unternehmensportfolios verwendet wird, ist groß. Denn New Work bedeutet mehr als das Schaffen von flachen Hierarchien oder das Einführen eines Hipster-Dresscodes. Nicht nur Arbeitsbedingungen müssen verändert werden, auch das Mindset, das Verständnis der Menschen, muss sich ändern. Das Aufbrechen alter, gewohnter Strukturen birgt auch Risiken und viel zu selten stellt man sich der Frage, was passiert, wenn New Work misslingt. Am Ende müssen Kunden befriedigt, Aufträge erfüllt und schwarze Zahlen geschrieben werden. Schafft das Unternehmen dies nicht, nützen der Kicker, das Inhouse-Fitnessstudio oder der Feel-Good-Manager wenig. Um diesen Risiken entgegenzutreten müssen sich sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitsgeber einem Lernprozess unterziehen, ist sich Kerstin Knabenbauer, Inhaberin der Firma KERMAROK, sicher. „Mitarbeiter sind nicht reine Arbeitskräfte, sondern müssen als Individuen mit ganz persönlichen Stärken, Schwächen und Potentialen verstanden werden“, sagt sie. Die Mitarbeiter werden zunehmend dazu aufgefordert, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und lösungsorientiert zu handeln. Aber auch Arbeitgeber müssen sich neuen Anforderungen stellen – und das sowohl in den Bereichen Organisation und Kompetenz als auch in der Wahrnehmung und den Werten eines Unternehmens. Diese verschiedenen Ebenen sind voneinander abhängig und bedingen einen Wandel der Unternehmenskultur. „Es hilft z.B. wenig, Mitarbeiter für New Work zu schulen, wenn die organisatorischen Grundsteine nicht gelegt sind, oder offene Treffpunkte im Büro für kreatives Arbeiten zu schaffen, wenn die Führungskräfte die Werte nicht entsprechend leben“, erklärt Kerstin Knabenbauer. Eben diese Führungskräfte müssen sich selbst fragen, wie viel Verantwortung sie abgeben und wie sie Raum schaffen können für ihre Mitarbeiter. Dies erfordert ein Umdenken und Hinterfragen des eigenen Führungsstils, bedeutet jedoch nicht, dass man als Chef auf einmal mit jedem befreundet oder per Du sein muss, sondern viel mehr, dass man den Menschen hinter dem Arbeitnehmer erkennt, ihm vertraut, ihn anspornt und unterstützt und einen Erfahrungsaustausch ermöglicht. Diese neuen Management Skills mögen nicht jedem in die Kinderwiege gelegt worden sein, können jedoch auch erlernt werden. Wer sich dem Thema New Work verweigert, bleibt auf der Strecke, davon ist David Wiechmann, Director Communication and Marketing der Kinnarps GmbH, überzeugt. „Natürlich gehen mit dem Konzept große Veränderungen einher, denen sensibel begegnet werden muss. Die Veränderung des Arbeitsplatzes ist da ein wichtiger Schritt, denn die Anforderungen der New Work spiegeln sich hierin wider“, so Wiechmann. Neue Formen der Kommunikation, der Zusammenarbeit und der Unternehmensführung müssen durch das räumliche Umfeld gefördert werden, denn nur so kann der Arbeitnehmer sich für seine spezifischen Aufgaben das jeweils passende Umfeld suchen. Rückzugsräume sind in diesem Zusammenhang genauso wichtig wie kommunikationsfördernde Arbeitsbereiche.

Welcher Mensch steckt hinter einer Bewerbung?
In dem Maße, wie sich Arbeitnehmer und -geber und auch Arbeitsplätze verändern, müssen sich auch Personalabteilungen neuorientieren, denn die Erwartungen zukünftiger Mitarbeiter sind ebenso individuell wie die Menschen selbst. New Work eröffnet den Arbeitsmarkt für Menschen, die nicht in das Schema einer 40-Stunden-Woche passen und bedeutet auch das Zusammenarbeiten mit jenen, die nicht angestellt werden wollen. Nicht jeder Mensch strebt mehr nach einem festen Arbeitsplatz, die Anzahl der Freelancer steigt und so werden Dienstleistungen an externe Mitarbeiter vergeben. Doch auch für die, die durchaus fest angestellt sein wollen, fordert New Work individuelle Lösungen. Für Arbeitnehmer mit Kindern, Teilzeitkräfte, Studierende oder Rentner mit einer sogenannten Encore-Karriere haben nicht immer Gehalt, Arbeitsweg oder Aufstiegschancen höchste Priorität.

Mut zur Lücke
Während man früher nach der Schule mit einem konkreten Berufsziel ins Studium oder die Ausbildung gestartet ist, wagt die neue Generation heute auch Umwege im Lebenslauf. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Sei es eine Lücke zwischen Bachelor und Master, um in die Arbeitswelt zu schnuppern, ein Studium nach der Ausbildung, ein Fernstudium neben dem Beruf oder ein kompletter Neustart. Viele Jobs erfordern nicht eine konkrete Ausbildung auf einem Gebiet, sondern eine ganze Palette an Qualifikationen und Social Skills, die nicht unbedingt in der Ausbildung, sondern viel mehr in der Praxis erlangt werden. Dazu gehört auch der Mut, neue Wege einzuschlagen fernab von festgetretenen Pfaden – gegebenenfalls auch mit ein paar Schritten zurück. In der neuen Arbeitswelt müssen Lebensläufe nicht immer geradlinig sein, auch Kurven und Abwechslung sind erlaubt. Auf diese individuellen Lebensläufe reagiert New Work. Welche Bedingungen benötigt der Mensch, um möglichst produktiv zu sein und welche dieser Bedingungen sind realistisch? Welchen Stellenwert nimmt Arbeit in der Gesellschaft aber auch im ganz persönlichen Leben ein? New Work ist ein Balanceakt zwischen individuellem Freiraum und gemeinschaftlichem Erfolg, aber auch ein Aushandlungsprozess zwischen Unternehmen und Individuen. Sollte man sich dafür entscheiden, sich diesen Herausforderungen zu stellen, besteht die Chance, dass Arbeit neu gedacht werden kann. Wer wagt, kann gewinnen: erfolgreichere Mitarbeiter, zufriedenere Kunden und Zukunftsfähigkeit.

VON CHARLOTTE ROGGENBUCK