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// DIE STADT, DIE SICH (ANDERS) BEWEGT

Göteborg ist die Nummer Zwei unter Schwedens Städten – aber nicht für die, die hier leben. Die Metropole an der schwedischen Westküste feiert 2021 ihren vierhundertsten Gründungstag und bekommt immer mehr internationale Aufmerksamkeit, auch in Deutschland: In diesem Jahr ist Göteborg auch Partnerstadt der Schwedischen Handelskammer. Lange Zeit galt Göteborg in vielem als das Gegenteil von Stockholm, mit Schwerindustrie, einer großen Arbeiterklasse und einer eher zwanglosen Offenheit. Vielleicht ist deswegen auch der Lokalpatriotismus hier besonders ausgeprägt. Die Hafenstadt hat heute etwa 570.000 Einwohner, 70.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Dieser Zuwachs bringt natürlich Herausforderungen mit sich: Wie kann man z.B. Mobilität gewährleisten, wenn die Bevölkerung stetig wächst? Und das auf umweltfreundliche, nachhaltige Weise? Die Göteborger packen es an und sagen zuversichtlich: „De går la gôrbra“. Das ist hiesiger Dialekt und meint ungefähr „Das geht schon gut“.

Foto: Daniel Högberg/imagebank.sweden.se

Wandel von A bis Z
Mobilität – das umfasst aus der Perspektive der Stadtplaner sämtliche Möglichkeiten, sich zu sich bewegen, von A wie Auto bis Z wie Zug. In Göteborg ist es allerdings klar, welche Verkehrsmittel von der Stadtverwaltung bevorzugt werden. Sie beschloss in den Mobilitäts- und Parkrichtlinien 2018, dass der Autoverkehr kräftig abnehmen soll. Die Göteborger sollen den öffentlichen Verkehr oder Fahrräder statt Autos nutzen. Ein Ansinnen, das auch in Deutschland viele Städte umtreibt. Doch was sind die schwedischen Pläne, die Mobilitätswende zu erreichen? Außer der Hauptstadt hat keine Stadt in Schweden eine U-Bahn. Auch Göteborg fährt nur oberirdisch, dafür aber mit einem der größten Straßenbahnnetze Nordeuropas. Weit über die Stadtgrenzen bekannt sind die ikonischen Wagen der Göteborgs spårvagnar. Wo die Straßenbahn nicht reicht oder passt, befördern Busse die Einwohner. Die etwa 120.000 täglichen Pendler kommen meist am Hauptbahnhof an. Außerdem gibt es im Anschluss an den Hauptbahnhof den regionalen Busbahnhof und die meistbenutzte Straßenbahnhaltestelle. Somit ist der Verkehr in Göteborg ziemlich zentralisiert und damit anfällig für Störungen in diesem Bereich. Mit dem sogenannten „Westschweden-Paket“ will die Stadt diese Zentralisierung vermindern und die aktuelle Situation für Pendler verbessern. Doch das Paket ist umstritten. Der Ansatz wird von Teilen der Bevölkerung stark kritisiert, denn viele meinen, das Projekt mache wirtschaftlich keinen Sinn und erhalte ungerechtfertigt hohe Finanzmittel. Die stammen überwiegend aus der Citymaut, die 2013 eingeführt wurde und bei der Bevölkerung eher unbeliebt ist.

Mit dem „Westschweden-Paket“ sollen viele neue Eisenbahntunnel und drei neue Bahnhöfe gebaut werden. Die Pendler könnten dann das enge Bahnhofsgebiet meiden, die Kapazitäten des Regionalverkehrs könnten ausgebaut werden. Doch die Gegner des Projekts halten die Maßnahmen für ineffizient und fürchten die Belastung der vielen Baustellen in der Stadt.

Schneller und effizienterer Nahverkehr für immer mehr Einwohner
„Die Straßenbahn ist die schnellste Möglichkeit, sich in Göteborg zu bewegen – außer zu laufen natürlich“ – so witzeln die Einheimischen gern über ihren Nahverkehr. Die Stadtleitung kennt diesen Witz wahrscheinlich und will ihn etwas weniger lustig machen. Der aktuelle Vorschlag „Målbild 2035“ entwirft eine Zukunftsvision für den Nahverkehr, wobei die Straßenbahn konzeptionell geteilt werden soll, um neue Schnellbahnschienen anzulegen. Prognosen erwarten in den nächsten 15 Jahren 200.000 neue Einwohner, entsprechend viele neue Arbeitsplätze wird es in Göteborg geben. Mit einem Budget von circa 2,3 Milliarden Euro will man deshalb den öffentlichen Verkehr attraktiver machen: Erhöhung der Kapazitäten um 70 % bei gleichzeitiger Verkürzung der durchschnittlichen Reisezeit um mindestens 20%. Schaffen will die Stadt das, indem sie auch die Buslinien erweitert und Knotenpunkte besser miteinander verbindet. Alles wollen die Westschweden für die Mobilität jedoch auch nicht und bleiben auf dem Boden: Der Vorschlag, eine Seilbahn über den Fluss zu bauen, wurde abgelehnt.

Foto: Emelie Asplund/imagebank.sweden.se

Leihfahrräder fast umsonst
In Göteborg gibt es bereits seit 2010 Leihfahrräder. An zahlreichen stadtweiten Stationen kann man ein Fahrrad leihen und es später an der gleichen oder einer anderen Station zurückstellen. Ähnliche Initiativen gibt es auch in anderen europäischen Großstädten, aber in Göteborg ist die Nutzung besonders günstig: ein Jahresabo kostet nur ca. 30 Euro. Das System wird ständig ausgebaut, bezahlen kann man per App. Für die Innenstadt ist auch die Art des Warentransports von großer Bedeutung. Hier geht die Entwicklung eher in Richtung Minimalismus. Stadsleveransen (Die Stadtlieferung) ist der Name eines Innovationsprojekts. Kleine Elektroautos mit Anhängern bringen Güter zu Geschäften und Büros in den zentralsten Gebieten Göteborgs: Ganz emissionsfrei, leise und ohne Fußgängern und Radfahrern zu viel Platz zu nehmen. Obwohl die Aktion noch jung ist, bringt sie Ergebnisse. Stadsleveransen verringert den Kohlendioxidausstoß um 68 Tonnen jährlich und sorgt für eine sauberere und auch ruhigere Atmosphäre in der City. Mehr als 600 Firmen bekommen aktuell schon ihre Lieferungen von Stadsleveransen und in Zukunft wird das Projekt ausgebaut, um einen größeren Bereich abzudecken.

Am nördlichen Flussufer Göteborgs liegt Lindholmen. Hier gab es im Mittelalter ein Schloss, Königin Blanka erhielt es 1335 als Morgengabe von König Magnus Eriksson. Das Schloss hat die Zeitläufte nicht überlebt, aber der Standort ist noch voll von Aktivität und beeindruckenden Gebäuden. In hypermodernen Häusern findet man hier Studenten, Forscher, Unternehmer mit ihren Mitarbeitern sowie ganz normale Bewohner. Eintausend von ihnen sind Teil des Mobilitätsprojekts LIMA, einer praktischen und umweltfreundlichen Lösung gegen das Gedränge im Stadtverkehr. LIMA steht für Lindholmen Integrated Mobility Arena und ist eine Zusammenarbeit zwischen der Stadt, der technischen Hochschule Chalmers und der westschwedischen Wirtschaft. In Lima werden viele verschiedene Transportalternativen in einem Dienst gesammelt. Die Teilnehmer können Lima nutzen, um mit dem öffentlichen Verkehr, Leihfahrrädern, Taxis, gemeinsam genutzten Elektroautos sowie Firmenautos zu fahren. Es ist auch möglich, sein eigenes Auto über eine App mit anderen zu teilen. In der App gibt man an, ob man privat oder dienstlich fahren möchte, bei Dienstfahrten wird die Rechnung direkt an die Wirtschaftsabteilung der Firma des Nutzers geschickt.

DenCity – das Forschungsprojekt
Wie es mit LIMA nach der Pilotphase weitergeht, weiß man noch nicht, da das Projekt erst im Februar 2020 begann. Im Lindholmen Science Park hat man allerdings schon Studien über Mobilität in der modernen Stadtlandschaft beendet. Die Stadt Göteborg ist für ihre Wortspiele bekannt und das zeigt sich auch im Namen der Mobilitätsstudie „DenCity“ (wie in „density“, engl. für Dichte). Auch hier arbeiten die Universitäten, Stadt und Wirtschaft zusammen, zum Beispiel ist Volvo ein prominenter Teilnehmer der Studie. DenCity versucht, Wege zu finden, um sich an die Auswirkungen der zunehmend überfüllten städtischen Gebiete auf den Verkehr anzupassen. Um das zu erreichen hat man sich wie Stadsleveransen mit Warenlieferungen beschäftigt, jedoch in einem größeren Maßstab. Normalgroße LKWs, Essenlieferung zu Privatpersonen und vielleicht etwas extravaganter: ein Müllboot auf dem Fluss. Das Boot liegt bei verschiedenen Haltestellen entlang dem Göta Älv an, Einwohner können ihren Müll und Sperrmüll hier abgeben. In einem Bericht über die bisherige Entwicklung DenCitys erklären die Autoren, dass urbane Wasserwege überhaupt selten genutzt werden und bis zu einem gewissen Grad ländliche Straßen ersetzen könnten. DenCity läuft weiter, gerade in der dritten Phase, in der man die bereits getesteten Maßnahmen weiterentwickelt. Der Bericht kommt aber bereits zu einer klaren Schlussfolgerung: Für die Umsetzung zukünftiger Mobilitätslösungen braucht es langen Atem. Wie kann man den Transport in der Stadt durch Elektrizität nachhaltiger gestalten? Antworten auf diese Frage sucht das Projekt ElectriCity. Es will eine Plattform für Forschung und Entwicklung im Bereich der Stadtelektrifizierung anbieten. Die ist schon überall im Stadtbild sichtbar: Seit 2015 fahren nämlich die von Volvo entwickelten Elektrobusse des Projekts auf den Straßen, und jeder kann sie mit normalen Tickets benutzen. Die Busse sind komplett emissionsfrei und machen fast keinen Lärm. Das eröffnet auch Perspektiven für den Einsatz von Elektrofahrzeugen in größeren Anlagen wie zum Beispiel in Bahnhöfen und Einkaufszentren oder auch für Nachtlieferungen. Unlängst hat Göteborg bei „seiner“ Firma Volvo 157 neue Elektrobusse bestellt. Elektromobilität wird somit in Göteborg tatsächlich zur Realität.

Von Göteborg lernen
Göteborg bereitet sich als Stadt für die Zukunft vor, indem sie die Herausforderungen von Klimawandel und hoher Bevölkerungsdichte im Stadtgebiet angeht. ElectriCity, Stadsleveransen und die Leihfahrräder sind nur einige Aspekte der Bemühungen, den Verkehr „smart“ zu machen. Die schwedische Metropole beweist, dass es ein Mix aus großen Infrastrukturmaßnahmen und kleinen innovativen Projekten ist, die den Mobilitätswandel in Göteborg möglich machen. Man könnte sagen: Mobilitätsplaner Europas, schaut auf diese Stadt!


von sebastian Eklund