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// Freizeit in den Zeiten der Pandemie - Wie sich das Freizeitverhalten der Schweden verändert hat

Freizeit in Schweden ist fast genau 100 Jahre alt. Damals entstand die politische Idee der arbeitsfreien Zeit mit der schwedischen Arbeiterbewegung. Sie wurde durch zwei Ziele geeint: der Forderung nach allgemeinen Wahlen und der des Acht-Stunden-Arbeitstags – acht Stunden für Ar - beit, acht Stunden für Freizeit und acht Stunden zum Schlafen. Der freien Zeit wurde eine bedeutende Rolle für die Demokratie beigemessen und so wurde die 40-Stunden-Woche bereits 1919 eingeführt und bildete fortan die Grundlage für die Organisation und Planung der Gesellschaft.

Die Freizeitgestaltung spiegelt den Zeitgeist wider

Doch wie soll man die Freizeit gestalten? Das war immer auch eine politisch-gesellschaftliche Frage. In jedem Fall spiegelt die Freizeitgestaltung immer in höchstem Maße den Zeitgeist wider: Anfangs stand die nützliche Freizeit im Mittelpunkt und in den 1920er- und 1930er-Jahren wurde der Begriff „Hobby“ populär. Es wurden Modelle gebaut und genäht, bis in den Sechzigern das Hobby von der Konsumkultur eingeholt wurde. Nun diente die Freizeit auch dazu, seine Persönlichkeit darzustellen, wenn man so will: eine Identität zu kaufen. Dieser Trend zur identitätsstiftenden Freizeitgestaltung setzte sich fort: Heutige Hobbys wie Golf spielen, Segeln, Fitnessstudios besuchen und Reisen markieren auch meist einen Lebensstil und Status. Seit einigen Jahrzehnten wandelt sich das Bild von Freizeit durch die stärker durchlässigen Grenzen zwischen dem Arbeitsleben und der privaten Zeit; in vielen Berufen greifen beide Bereiche immer mehr ineinander. Unsere Freizeit ist weniger frei geworden. Heute ist es eine echte Herausforderung, die Zeit-Puzzleteile zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzusetzen.

Foto: Friluftsbyn Höga Kusten/imagebank.sweden.se

Sozialdistanzierung, Hobbyepidemiologen und Zoombombardement

Das Jahr 2020 bildet erneut eine Zäsur in der Freizeitgestaltung: Das Homeoffice in Pandemiezeiten hat diesen Entgrenzungstrend dramatisch verstärkt. Wie haben sich die Lebensgewohnheiten und das Freizeitverhalten der Schweden in diesem Jahr verändert? Verschiedene Konsumtrends und Kaufmuster der zurückliegenden Monate geben Hinweise darauf, wie die Menschen ihre Freizeit verändert haben. Auch die von der Schwedischen Akademie ermittelten neuen schwedischen Wörter für 2020 weisen auf Veränderungen der Art und Weise hin, wie man seine Freizeit verbringt: Corona-anpassen, Coronagrüße, Hobbyepidemiologie, Sozialdistanzierung, kleine Baumeister und Zoombombardement. Das Jahr war turbulent, verschiedene Branchen haben wegen des Virus dramatische Aufschwünge oder Niedergänge erlebt. In Schweden waren die Restriktionen und Empfehlungen bekanntlich nicht so strikt wie in Deutschland. Aber das bedeutet nicht, dass die Schweden ihr Alltagsleben nicht verändert hätten. Um das Infektionsrisiko zu reduzieren, verbrachten und verbringen die Schweden den Großteil ihrer Freizeit zuhause. Arbeit, Schule, Kultur, Sport und Konsum sind in die eigenen vier Wände ein - gezogen und die Plätze, an denen Menschen sich sonst trafen, blieben leer: Während Hotels 40 % weniger Übernachtungen verzeichneten und die schwedischen Restaurants Einbrüche von 18 19 25 % vermeldeten, gewannen die Lieferservices. Das bereits stark digitalisierte Schweden wurde noch virtueller – und war bestens darauf vorbereitet. Nie war das Netz überlastet, obwohl die Internetnutzung in Privathaushalten um 500 % anstieg. Ob Werktag oder Wochenende machte keinen Unterschied mehr, als alle zuhause ihre Arbeit erledigten: Zwei Drittel aller schwedischen Berufstätigen arbeiteten 2020 zumindest teilweise aus dem Homeoffice.

Shoppingverhalten dokumentiert Freizeitgestaltung

 Auch das Onlineshopping boomte – besonders dank der Senioren, einer Gruppe, die zuvor weniger online einkaufte. Im Sommer wurden Mode und Accessoires bestellt, besonders in den Großstädten Stockholm, Göteborg und Malmö. Abseits der Metropolen kauften die Schweden, die näher an der Natur wohnen, besonders viele Sport- und Freizeitgeräte. Auch der Umsatz mit Produkten für das Auto, das Zuhause und den Garten stieg merklich. Das für den Urlaub verplante Geld wurde nun anderweitig ausgegeben: Im Hauptferienmonat der Schweden, dem Juli, fanden erotische Produkte reißenden Absatz. Vor allem suchte man die Zerstreuung in der Corona-Krise. Es wurde ferngesehen, gelesen und gestreamt wie nie zuvor. Der Verkauf von entsprechenden technischen Geräten, vor allem Fernsehern und Videokonsolen stieg um 50 %. Das Streaming erreichte neue Rekorde. Fast die Hälfte der Schweden bezahlt nun – im Durchschnitt 20 Euro pro Monat – für Streaming, mehr denn je. Die Streaming-Seiten YouTube, Netflix, HBO Nordic und SVT Play verzeichnen Zahlen wie nie zuvor. Dabei beschäftigen sich die Konsumenten am liebsten mit Komödien, Fantasiewelten und dem tröstlichen Altbekannten. Die meistgestreamten Serien waren Modern Family, The Last Dance, und Tiger King; die Prestige-Serien Game of Thrones, West World, Chernobyl, Vikings und das schwedische Eishockeydrama Björnstad. Im Fernsehen fanden die die Schweden ihre nationale und traditionelle Unterhaltung. Die populärsten Fernsehprogramme in der Krise waren bekannte Klassiker: Melodifestivalen, På Spåret und Mord im Mittsommer, alle mindestens 10 Jahre auf Sendung. An Weihnachten war der Wunsch nach Gemeinschaftsgefühl durch Home Entertainment besonders stark: Das traditionelle Weihnachtsfernsehprogramm Donald Ducks Weihnachten erreichte einen Zuschauerrekord: 7,5 Millionen von 10 Millionen Schweden sahen das Programm, fast drei Millionen mehr als der frühere Rekord von 4,3 Millionen. Das macht die Weihnachtsendung 2020 zu einem der größten von allen Schweden geteilten Erlebnisse aller Zeiten.

30 % mehr Garten: Leserinteressenten spiegeln die Aktivitäten wider

Doch die Schweden nutzten ihre Freizeit unter Pandemiebedingungen nicht nur zum Starren in den Flimmerkasten. Wenn auch der Verkauf im stationären Buchhandel zurückging, konnte der Onlinebuchhandel einen Anstieg der verkauften Literatur melden. In der dazu gewonnenen Freizeit wurde wieder mehr gelesen. Das galt auch für Zeitschriften und Magazine, vor allem in der digitalisierten Version. Dr. Susanne Ardisson vom Kammermitglied Readly: „Die Pandemie und ihre Auswirkungen sind in den Lesegewohnheiten der Nutzer und Nutzerinnen deutlich sichtbar. Sie haben dazu geführt, dass weniger gereist und weniger soziale Kontakte geknüpft wurden“, berichtet Ardisson. Im Fokus standen häusliche Aktivitäten.

Die Lesegewohnheiten der Readly Abonnenten spiegelten diese gesellschaftlichen Entwicklungen wider. In Deutschland hätten die Kategorien Essen und Trinken, Architektur und Design sowie Haus und Heimwerken am stärksten zugenommen. „In Schweden ergibt sich ein ähnliches Bild – außer, dass hier zusätzlich die Kategorie Garten durch die Decke ging mit einem Wachstum von mehr als 30 %“, erläutert Ardisson. Verlage mit diesen Themen hätten durch Reisebeschränkungen und die soziale Distanz große Zuwächse in der Nachfrage erfahren. Zeitschriften seien häufig als Inspirations- und Wissensquelle für verschiedene Projekte und Hobbys genutzt worden.


Foto: Niclas Vestefjall/imagebank.sweden.se

Renaissance des Puzzelns

Neben Büchern stieg auch das Interesse für Familien- und Kinderspiele; das gute alte Puzzle erfuhr (wie auch in Deutschland) eine überraschende Renaissance. Der Umsatz mit Puzzles stieg um mehr als 50 %, ein Verkäufer in Stockholm berichtet gar von einer Umsatzsteigerung um 500 %. Für das Miteinander zu Hause ist Spielen eine gute soziale Alternative. Miteinander spielen und sich begegnen kann man auch, ohne im selben Raum zu sitzen. Jessica Bollnert, PR-Expertin aus Östersund, hat beobachtet: „Spieleabende per Videokonferenz oder auch einfach ein Treffen mit Freunden, bei dem man gemeinsam isst und trinkt – nur eben jeder vor seinem Bildschirm – sind eine der ganz großen Innovationen des Corona-Jahres 2020. Bei allem, was einem da an direktem Miteinander fehlen mag, ein Vorteil liegt auf der Hand: Keiner muss nachher noch nach Hause fahren“, schmunzelt sie.

Nur zuhause zu sitzen führt jedoch potentiell zu Gesundheitsproblemen. 46 % der Schweden hatten schon vor der Pandemie ein schlechtes Kreislaufsystem. In der Coronakrise steuerten sie jedoch offensichtlich dagegen. Der Fahrradverkauf legte dramatisch zu, das Training zuhause wurde vielseitiger und beliebter. Laut einer Umfrage bewegen sich fast die Hälfte der Schweden seit Corona mehr. Vor allem haben sie sich dabei an die Natur gehalten – den großen nationalen Stolz, der Neid des übrigen Europas. Jedes Jahr im Sommer fahren Millionen Schweden aufs Land und verbringen ihre Zeit im meist für sich gelegenen Ferienhaus. Sozialdistanzierung im Urlaub ist also immer schon ein wichtiger Teil der schwedischen Identität und das Interesse ist dieses Jahr noch größer geworden. Das Weihnachtsgeschenk des Jahres war demnach auch die Sturmküche, also Outdoor-Kochgeschirr. „Die Coronapandemie hat zu einem starken Trend draußen zu sein geführt, im Garten wie in der freien Natur. Diesen Trend kann man auch in der Einkaufstatistik sehen und das Geschenk spiegelt dieses Faktum wider“, kommentiert das Schwedische Handelsinstitut die Wahl des stets viel beachteten Weihnachtsgeschenkes des Jahres. Die Pandemie war also ein katalysierender Faktor, der das bereits bestehende Interesse für Umwelt und Natur befeuerte.

Welpenmangel

Wenn die Sehnsucht nach Gemeinschaft allzu stark wurde, griffen die Schweden zu anderen Maßnahmen. Das kann man deutlich am Tierverkauf des Jahres ablesen. Der Verkauf erhöhte sich um 30 %, die Hundezüchter sprachen gar von einem Mangel an Welpen. Früher hatten viele keine Zeit, einen Hund zu halten – jetzt aber sind die meisten ohnehin zuhause. Die Tierschutzvereine sind dennoch besorgt: Wenn die Pandemie vorbei sei, könnten viele Menschen ihr neues Haustier vernachlässigen. Freizeit in Zeiten von Corona: Für Schweden hieß das Hindernis und Motivation für neue Entdeckungen zugleich. „Der Mensch muss etwas neben der täglichen Arbeit finden, das er mit Interesse und Liebe umarmen kann“, schrieb das Svenska Dagbladet 1931. Während der Pandemie zeigen nicht nur die Schweden, dass dieses Etwas auch zuhause zu finden ist. Es wird wieder mehr gelesen – und die thematischen Interessen lassen Rückschlüsse auf die Freizeitgestaltung zu.

Von Alexander Roth

 

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