Zurück

// Schwedische Kirche
Metamorphose einer instanz

// Hand aufs Herz: wann haben Sie das letzte Mal an einem Gottesdienst teilgenommen? Besonders in Schweden werden viele lange nachdenken müssen, um diese Frage zu beantworten.  Die Zahl der Kirchgänger dürfte bei unter 5 % der Kirchenmitglieder liegen, ein Trend, der schon sehr lange anhält und sicherlich mit dazu beigetragen hat, dass die Schwedische Kirche seit dem Jahr 2000 nicht mehr Staatskirche ist. Fast 500 Jahre waren Staat und Kirche eine Einheit gewesen, Gustav Wasa hatte diese „Zwangsehe von Thron und Altar“ 1527 begründet. 
Die Scheidung dieser „Ehe“ beschäftigte das Parlament jahrzehntelang, doch schließlich war allen Beteiligten klar, dass der Status quo nicht mehr in die Zeit passte. Vorher war es zum  Beispiel schlicht nicht möglich, aus der Kirche auszutreten; wer als Schwede geboren wurde, war automatisch Kirchenmitglied. Das gesamte Personenstandswesen wurde noch bis 1991 von der Staatskirche verwaltet; der Staat ernannte umgekehrt die Bischöfe, alle Pastoren und Bischöfe waren beim Staat angestellt. Der gegenseitige Einfluss war enorm.

Seitdem nimmt die Zahl der Kirchenmitglieder kontinuierlich ab, heute sind es noch knapp sechs Millionen. Da der Anteil an Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften durch die Zuwanderung stark gestiegen ist, sind damit nur noch etwa 60 % der Bevölkerung evangelisch-lutherisch.
Doch auch in der Mehrzahl der offiziell evangelischen Familien spielt der Glaube im alltäglichen Leben kaum noch eine Rolle. Selbst an hohen kirchlichen Feiertagen ist es keineswegs mehr selbstverständlich, in den Gottesdienst zu gehen. Der Ritus, an Heiligabend Donald Duck-Filme anzuschauen, dürfte jedenfalls im Weihnachtsablauf einen verbindlicheren Charakter entwickelt haben als der Kirchgang.



Darüber mag man denken, wie man will. Aber ohne Frage geht hier, im Lauf von ein oder zwei Generationen, sehr viel Wissen und kulturelle Bildung verloren. Denn das Christentum hat die schwedische Gesellschaft über Jahrhunderte so intensiv geprägt, dass die Kenntnis über christliche Inhalte ein wichtiger Schlüssel  zum Verständnis von Kultur und Geschichte und auch der Gesellschaft der Gegenwart sind. Wenn die Erzbischöfin Antje Jackelén im Interview mit Schweden aktuell ihre Sorge artikuliert, dass das christliche Bildungsniveau rapide abgenommen habe und dies „besonders Jugendlichen den Zugang zu den Quellen existentieller Reife“ versperre, muss man ergänzen: es erschwert den Zugang zur gesamten Kunst- und Literaturgeschichte.
Die Erzbischöfin ist dennoch überzeugt, dass trotz der zahlenmäßigen Abnahme die Bedeutung der Kirche für die Schwedische Gesellschaft wieder zunehme. Sie werde gebraucht als Stimme gegen Populismus und andere negative Trends. Als Kultur- und Hoffnungsträgerin, als Ansprechpartner für Menschen in Not. Und in der Tat präsentiert sich die Kirche heute nicht mehr als moralinsaure Über-Instanz, die das Leben der Schweden reglementieren will – sondern als weltoffene Gemeinschaft, offen für alle, die einen Ansprechpartner in Freud oder Leid suchen.

Die Kirche, wirtschaftlich betrachtet

Ganz nebenbei ist die Kirche  auch noch ein großer Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor. Sie beschäftigt 22.000 Mitarbeiter, ist eine der größten Waldbesitzerinnen des Landes, bedeutende Aktieninhaberin, Eigentümerin von über 3000 Kirchengebäuden. Sie verfügt über ein Vermögen von umgerechnet rund 4,4 Milliarden Euro. Wobei Vermögenswerte wie Kirchengebäude, Kirchengemeinden und Begräbnisstätten naturgemäß keine Renditen erwirtschaften, sondern Kosten verursachen.
Die Arbeit der Schwedischen Kirche wird weitgehend durch die Kirchengebühr finanziert, die alle Mitglieder zahlen. Deren Höhe wird in jeder Kirche vor Ort festgelegt. Die Gesamteinnahmen aus der Kirchengebühr im Jahr 2019 belaufen sich auf 1,4 Mrd. Euro, das entspricht ungefähr 60 % des gesamten Betriebseinkommens der Schwedischen Kirche.



Und die Ausgaben des „Unternehmens Kirche“? Die Gesamtkosten  für die Kirchenaktivitäten beliefen sich 2017 auf zwei Milliarden Euro. Da das Hauptgeschäft in Gemeinden betrieben wird, sind auch die größten Kosten dort zu finden. Dabei sind die örtlichen Unterschiede groß, wenn es darum geht, wofür die Kirchen die Kirchengebühren verwenden.
Auf nationaler Ebene hat die Kirche eine eigene Vermögensverwaltung. Sie verwaltet z.B. das Pufferkapital von rund 800 Millionen Euro, das in Krisensituationen eingesetzt werden kann. Für die Kapitalanlage gelten heute strenge ethische Regeln. Dazu  gehört – ganz auf der Höhe der Zeit – auch der Verzicht auf Unternehmen, die ihr Geld mit fossilen Energieträgern verdienen.  Neben der Verwaltung auf nationaler Ebene werden die Vermögenswerte auf der Ebene der Diözesen und der Gemeinden getrennt verwaltet. Die Schwedische Kirche verfügt auch über gemeinnützige Betriebe und Stiftungen mit eigener Verwaltung.

„Priesterlohn“ – Wald und Landwirtschaft sind Teil der Finanzierung

Eine interessante Besonderheit hat eine lange Geschichte: Die schwedische Kirche bewirtschaftet Wald und Land in ganz Schweden – von Karesuando im Norden bis nach Skurup im Süden. Das Vermögen trägt den Namen Priesterlohn, denn dafür diente es früher unmittelbar. Es gab Felder und Wiesen, um Vieh zu züchten und zu halten, Wälder für die Jagd und Holz – dies diente dem Lebensunterhalt der Familie des Pfarrers. Heute werden die „Priesterlöhne“ von den dreizehn Diözesen verwaltet und über ein Ausgleichsystem auch national verteilt. Das Vermögen besteht neben Wald und Land auch aus einem Fondskapital. Insgesamt werden 466.000 Hektar Waldfläche, 47.000 Hektar Weideland und Ackerland sowie ein Fondskapital von 300 Millionen Euro verwaltet. Damit ist die Schwedische Kirche der größte landwirtschaftliche Bewirtschafter des Landes und der fünftgrößte Waldbewirtschafter. Wirtschaftlich ist sie also immer noch ein wichtiger Faktor im Land.

Grenzüberschreitend präsent und vernetzt

Und auch international ist die Schwedische Kirche aktiv – ein Global Player, wenn man so will. Sie ist auf allen fünf Kontinenten mit Auslandsgemeinden vertreten – wobei die Svenska Kyrkan i Utlandet organisatorisch dem Bistum Visby zugeordnet ist.  Besonders umfassend ist das Angebot für die Angehörigen der Schwedischen Kirche in Deutschland. Hier gibt es schwedische Kirchengemeinden in Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg und München. In Hamburg befindet sich die 1907 geweihte Gustaf Adolfskyrkan, die ursprünglich als Seemannskirche gebaut wurde. Die Gemeinden sind wichtige Kulturbotschafter Schwedens: neben den kirchlichen Angeboten gibt es Sprachschulen, Chöre, Brauchtumspflege und Feste, oder auch einfach die Einladung zur fika zwischendurch. Die Arbeit der vier Gemeinden strahlt jeweils weit in die umliegenden Bundesländer aus.
Die Schwedische Kirche ist Mitglied der Porvoo-Gemeinschaft von 13 europäischen Kirchen anglikanischer, lutherischer und altkatholischer Konfession und hat mit diesen Kirchen volle  Kirchengemeinschaft. Zu diesen religiösen Netzwerken und Angeboten im Ausland gesellt sich ein intensives globales Engagement gegen Armut, Unterdrückung und Unrecht und für ein würdiges Leben. Die Entwicklungshilfeaktivitäten sind seit wenigen Wochen unter dem Namen Act Svenska Kyrkan zusammengefasst, mit dem erklärten Ziel, dieses Engagement bekannter zu machen.
Die evangelisch-lutherische Kirche in Schweden mag an Mitgliedern und an Einfluss verloren haben. Doch dafür tritt sie aktuell  als sehr lebendige, kreative und menschenfreundliche Kraft auf. Gut möglich, dass sie genau durch diese Metamorphose von der omnipräsenten Staatskirche zur bekennenden Wertegemeinschaft auch wieder die Herzen der jungen Generation gewinnen kann. Denn gerade bei den Jungen ist die Suche nach ethischer Orientierung und nach einem weniger materiell orientierten Leben gegenwärtig spürbar wie seit Jahrzehnten nicht.