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// Trendsport Biathlon

Biathlon ist faszinierend. Die Kombination von körperlicher Höchstleistung beim Langlauf und voller Konzentration am Schießstand sorgt oft für Spannung bis zur letzten Sekunde eines Rennens. Über Jahre hinweg wurde der Sport immer weiterentwickelt und ist heute der nahezu perfekte Fernsehsport. Das macht sich auch in den Zuschauerzahlen bemerkbar – gerade in Deutschland ist Biathlon enorm populär. Zwischen 5 und 6 Millionen Deutsche sehen an den Winterwochenenden im Schnitt die Biathlon-Wettrennen. Namen wie Laura Dahlmeier sind den Deutschen längst geläufig – mit 180.000 Followern auf Facebook und 150.000 auf Instagram ist die Sportlerin mittlerweile eine echte Influencerin. Nach einer Krisenphase hat sich der Erfolg auch im schwedischen Biathlon wiedereingestellt. Mitverantwortlich dafür ist ein Deutscher: Der Erfolgstrainer Wolfgang Pichler half der jungen schwedischen Mannschaft mit zielgerichteter Anleitung wieder ganz nach oben. Das wurde bei der letzten Olympiade belohnt: mit Gold für die Herren-Staffel, Gold für Hanna Öberg in der Normaldistanz und Silber für Sebastian Samuelsson in der Normaldistanz.
Mit den sportlichen Erfolgen kam auch ein wirtschaftlicher Aufschwung für den schwedischen Biathlon-Verband. Die mediale Aufmerksamkeit macht die Arbeit mit dem so wichtigen Sponsoring einfacher, sowohl für den Verband als auch für die Sportler.

 

Business-Boost für die Biathlon-Hauptstadt Östersund
Ebenfalls ein wichtiger wirtschaftlicher Aspekt des Sports sind die großen Events, wie die Biathlon Weltmeisterschaft, die Östersund in diesem Jahr ausrichtet. Östersund ist Schwedens „Biathlon-Hauptstadt“. Hier ist der Sitz des schwedischen Verbandes, hier wohnt und trainiert die gesamte schwedische Mannschaft. Verband und Kommune haben kräftig in perfekte Verhältnisse investiert. Nur rund 15 Minuten zu Fuß vom Stadtzentrum entfernt liegt die Biathlon-Arena mit stets gut präparierten und beleuchteten Loipen. Hier dürfen auch Privatpersonen Skilaufen – allerdings gegen Bezahlung einer kleinen Gebühr. Dabei trifft man immer wieder die großen Stars, die dann aber zugegebenermaßen in einem etwas anderen Tempo unterwegs sind.
Eine Studie hat ergeben, dass die ca. 19 Millionen Euro, die die öffentliche Hand seit 2005 in Östersund als Standort für Weltcups und Weltmeisterschaften investiert hat, zu direkt relatierten Einnahmen von rund 80 Millionen Kronen geführt haben. Mit anderen Worten: ein gutes Investment. Allein durch die WM in diesem Jahr erwartet man eine ganze Reihe von positiven Effekten für die Region: Schon rein wirtschaftlich macht die Veranstaltung für die 45.000-Einwohner-Stadt Sinn: Man rechnet mit 120.000 Besuchstagen bei der WM in Östersund. Und diese Besucher wollen wohnen, essen und einkaufen. Schätzungen zufolge werden die Angereisten während der WM mindestens 15 Millionen Euro ausgeben.

Außerdem fungieren solche Veranstaltungen als ein perfekter Werbeträger. Millionen von Deutschen kennen das sonst eher unbekannte Östersund wegen der jährlichen Sendungen von Biathlon-Events. Die diesjährige WM wird voraussichtlich von über 500 Millionen Menschen weltweit im Fernsehen gesehen. Der Werbeeffekt eines Weltcups für Östersund wurde in einer Studie mit einem Gegenwert von knapp sieben Millionen Euro berechnet. Für die WM dürfte er noch deutlich darüber liegen. Diese Bekanntheit führt auch dazu, dass Östersund das ganze Jahr über zusätzlichen Tourismus verbuchen kann. Die Bilder von Natur, Kultur und Sport, die immer wieder eingeblendet werden, zeigen die Region von ihrer besten Seite. Zahlreiche ausländische Touristen gaben in einer Untersuchung an, durch eine Biathlon-Übertragung auf Östersund aufmerksam geworden zu sein.
Ein eher lokaler Effekt ist die gesteigerte Attraktivität der Stadt für die Einwohner. Die Sportuniversität ist ein wichtiges Lockmittel, um junge Leute in die Stadt zu ziehen. Ein Forschungsteam rund um den Wintersport, das bei der Universität angesiedelt ist, wird inzwischen als weltweit führend angesehen. Dabei geht es um eine breite Spanne von der Materialforschung über Sporttechnologie bis hin zur Entwicklung neuer Tourismusprodukte. Mehrere Unternehmen haben sich bereits um dieses Forschungszentrum herum angesiedelt oder sind als Spin-off entstanden.

Nur die Besten verdienen gut
Auch weltweit macht sich das große Interesse an Biathlon bezahlt. Der Weltverband IBU konnte zum Beispiel gerade die Preisgelder für Weltcups deutlich erhöhen. So zahlt die IBU für einen einzelnen Weltcup-Sieg nun eine Prämie von 15.000 Euro. Allerdings nehmen diese Prämien schnell ab, je weiter unten man im Ranking steht. Der 15. bekommt gerade mal 500 Euro, danach gibt es gar nichts mehr. Gut leben können von dem Sport daher nur die allerbesten, die regelmäßige Siege einfahren. Die anderen müssen nach eigenen Sponsoren suchen, Sporthilfe oder Stipendien beantragen oder leben noch immer „sponsored by parents“. „Für das Geld machen wir diese Blutarbeit nicht“, sagte uns ein Sportler, der nicht namentlich genannt werden will.

Die Zukunft: Biathlon als Breitensport
Erfreulich für den schwedischen Biathlon-Verband ist neben den erfolgreichen Spitzensportlern, dass Biathlon fast schon eine Trendsportart geworden ist. Der Sport wächst stark in ganz Schweden – in den letzten acht Jahren hat sich die Zahl der Vereine auf 80 verdoppelt, die Zahl der Mitglieder hat sich sogar in nur drei Jahren verdoppelt. Interessanterweise wächst der Sport am stärksten im Süden des Landes, wo es verhältnismäßig wenig Schnee gibt. Die immer besseren Skiroller helfen hier. Bei der Jugend ist der Sport beliebter als klassisches Langlaufen, weil er mehr Abwechslung bietet.
„Jetzt stimmt einfach alles“, bestätigt Ingemar Arwidson, Generalsekretär des schwedischen Biathlon-Verbandes, enthusiastisch: „Wir sehen nun schon seit einigen Jahren diesen positiven Trend. Ich wage zu behaupten, dass dies ein Resultat unserer bewussten Arbeit mit Erneuerung und Veränderung ist. So haben wir zum Beispiel dazu beigetragen, ein neuartiges Biathlon-Luftgewehr zu entwickeln. Dies macht den Sport für Viele zugänglicher. Die Schießanlagen sind viel einfacher zu bauen und brauchen nur 10 Meter Abstand, statt der üblichen 50 Meter. Das Gewehr ist deutlich billiger als die 22 RL Biathlon-Kleinkaliberwaffen und Luftgewehre sind ohne Waffenbesitzkarte erlaubt.“
Interessant für die Zukunft des Biathlon-Sports in Deutschland wird sein, ob diese Trends aus Schweden sich auch hierhin übertragen lassen. Wer weiß, vielleicht liegt die Zukunft für den deutschen Biathlon ja im Ruhrgebiet oder in Hamburg statt in Ruhpolding oder Oberhof…

Text: Jessica Bollnert und Stefan Marx