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// Zeit der Veränderung: Swinging Sixties

Im Archiv der Kammer lagern regalweise Dokumente und Fotos, die als lebendige Geschichte die Vergangenheit der Bundesrepublik und Schwedens bezeugen. Im Jubiläumsjahr der Schwedischen Handelskammer blicken wir in jeder Ausgabe zurück auf ein Jahrzehnt, das die Kammer und die Welt prägte.

1960 – 1969
Voll von großen Ereignissen wie dem Woodstock-Festival, der Mondlandung oder der Kubakrise war das erste Jahrzehnt, das die Schwedische Handelskammer erlebte. Die Kriegserinnerungen verblassten allmählich und machte Neuem und anhaltenden Veränderungen Platz. Die deutschen Kanzler hießen Adenauer, Erhard, Kiesinger und Brandt, das Radio spielte „Blowin‘ in the wind“, die jungen Frauen trugen Minirock und in den Wohnungen leuchtete die Lavalampe. Bürgerrechts- und Studentenbewegungen stellten ihre Forderungen an die Politik während das Model Twiggy die Mode beherrschte.

Beständigkeit der Kammer
In dieser Atmosphäre nahm die Schwedische Handelskammer ihre Arbeit auf. Nach der Gründung 1959 hielt sie ihre erste Jahresmitgliederversammlung 1960 in Stockholm in der dortigen Handelskammer ab. Auch die meisten Mitglieder, die 250 DM für ihre Zugehörigkeit zur Kammer zahlten, hatten damals noch ihren Sitz ausschließlich in Schweden.
Das Protokoll der Versammlung zeigt, wie beständig die Kammer stets war, denn viele der Punkte werden noch heute so auf der Jahresmitgliederversammlung abgehandelt. Ein gravierender Unterschied: Frauen waren damals nie anwesend, die Liste der Vertreter der Unternehmen vermerkt ausschließlich Männer auf dem dünnen Papier, das an Bibelseiten erinnert. Auch die Grundprinzipien der Kammer gelten schon seit ihren Anfängen. Der Vorstand arbeitet ehrenamtlich und Arbeitsausschüsse kümmern sich um spezielle Aufgaben, wie die Nachfolgersuche eines Geschäftsführers für die Kammer.

Nach dem Mauerbau 1961 war der Osten Deutschlands abgeschottet. Für den Verein war deshalb nur der Westen von Belang. Doch auch hier galt es, der föderalen Organisation Westdeutschlands gerecht zu werden. „Man solle sich nicht zu sehr auf die Region Düsseldorf konzentrieren“, mahnten Vorstandsmitglieder an. Auch das Fehlen einer Repräsentation in München wurde bemängelt; Anfang der Sechziger diskutierte man, ob ein zweites Büro im Hamburg eingerichtet werden soll.

Maschinen-Demos im Wald und Pressereisen
„Ich bin sicher, dass nicht nur die seit eh und je traditionellen schwedischen Stapelwaren wie Eisenerz, Holz und Zellstoff in Deutschland abgesetzt werden können“, hatte Generalkonsul Ragnar Dyberg, einer der Gründerväter der Kammer, erklärt. Die direkte und effektive Förderung des Exports nach Deutschland hatte die Kammer sich damit auf die Fahnen geschrieben. Hierfür wurden vielfältige Maßnahmen ergriffen: Die Kammer erstellte für interessierte Unternehmen Marktforschungsberichte, organisierte Pressereisen für deutsche Journalisten zum Thema schwedische Einrichtung, lud Interessierte zur Demonstration schwedischer Forstmaschinen ein, und war auf mehreren Messen, darunter auch damals schon die Hannovermesse, mit einem eigenen Stand präsent. Auch an sogenannten „Informationskonferenzen“ in Schweden nahm die Kammer teil. 1967 referierten Mitarbeiter der Geschäftsstelle in Jönköping über Themen, die die Unternehmer beschäftigten: „Wie arbeitet man mit einem deutschen Vertreter?“ und „Ist es teuer, effektiv Werbung auf dem großen westdeutschen Markt zu machen?“ lauteten die Titel der Vorträge. 

Der Information der Öffentlichkeit, die bereits Anfang der Sechziger unter dem modernen Namen Public Relations lief, galt das besondere Augenmerk der Geschäftsstelle. Stolz berichtete der Hauptgeschäftsführer 1963 dem Vorstand, dass auf Betreiben der Kammer das Thema Schweden „83 Mal in Tageszeitungen, fünf Mal im Radio und einmal in Television“ Beachtung fand.

Ein schwedischer Prinz im Vorstand
Mit den Worten „Mit meiner besten Begrüßung!“ enden in den Sechzigern die Einladungen des Präsidenten zu den Vorstandssitzungen, die schon damals im Mai und November abgehalten wurden. Wie heute traf sich der Vorstand an verschiedenen Orten in Deutschland, damals allerdings auch in kleineren Großstädten: Mal traf man sich in Mannheim oder Lübeck, dann wieder wurde im ehrwürdigen Bremer Schütting konferiert. Auch die Insel Mainau wurde zum Vorstandstreffpunkt: Graf Lennart Bernadotte war Teil des Gremiums und lud 1963 die Kollegen auf sein Schloss ein. 

Das politische Geschehen ließ auch die Arbeit der Handelskammer nicht unberührt. Lang vor Schwedens EU-Beitritt und der Freizügigkeit debattiert der Vorstand über die „deutsch-schwedische Streitfrage“ des temporären Aufenthaltsrecht von deutschen Monteuren in Schweden – und ob die Kammer sich hierzu äußern sollte. Für Diskussionsmaterial sorgt auch der Kanzlerkandidat Kurt Georg Kiesinger, der durch seine Nazi-Vergangenheit in der Kritik stand. In Schweden schlugen die Wellen in der Presse zu Kiesinger hoch, das Resultat war eine zurückgezogene große Bestellung aus Deutschland bei Volvo.
Damals deutlich anders war die Abhängigkeit der Kammer von staatlichen Stellen: Mit fast 90.000 Kronen jährlich bedachte der schwedische Staat zu dieser Zeit die Kammer. Dementsprechend war auch das Personal in der Geschäftsstelle deutlich umfangreicher als heute: Acht Angestellte und sieben Praktikanten arbeiteten für den Verein. Wie eine Vorahnung der modernen Kommunikation, die in den nächsten Jahrzehnten kommen sollte, mutet die damalige Telegramadresse an: Schwedenkammer.

60 Jahre in der Geschichte

1960 Die Pille wird zugelassen
1960 Die Tradition, an Heilig Abend „Kalle Anka“ zu schauen,
beginnt in Schweden
1961 Die Berliner Mauer wird gebaut
1962 Hamburg wird von einer verheerenden Sturmflut
heimgesucht
1962 Die Katholische Kirche hält ihr Zweites Vatikanisches
Konzil ab, das grundlegende Veränderungen nach sich zieht
1962 Kubakrise
1962 Marilyn Monroe begeht Selbstmord
1963 US-Präsident John F. Kennedy wird erschossen
1963 Die Schwedin Anika Ekberg wird als Schauspielerin an der Seite von Frank Sinatra in „Vier für Texas“ international berühmt
1963 Der erste IKEA außerhalb Älmhults eröffnet
1963 Die Beatles veröffentlichen ihr erstes Album
1964 Die USA beginnen, Nordvietnam zu bombardieren
1964 Gesetzesänderungen beenden die Rassentrennung in den USA
1964 IBM stellt seinen Großrechner System 360 vor und
revolutioniert damit die IT-Branche
1965 Schweden startet sein miljonprogram, das Tausende
Wohnungen schafft
1965 Das mellanöl wird eingeführt
1967 Der persische Schah besucht Deutschland, bei Protesten gegen seinen Besuch wird der Student Benno Ohnesorg getötet
1967 Schweden stellt auf Rechtsverkehr um
1967 Die Kommune 1 wird in Berlin gegründet
1968 Claes-Göran Hederström gewinnt Melodifestivalen mit
„Det börjar verka kärlek, banne mej“
1968 Prager Frühling
1968 Beate Klarsfeld ohrfeigt Kurt Georg Kiesinger auf dem CDU-Parteitag
1969 Woodstock-Festival
1969 Mondlandung
1969 Olof Palme wird schwedischer statsminister

Von Helen Hoffmann