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// Wirtschaftsmotor Neubürger
Was Zuwanderer für die schwedische Wirtschaft bedeuten

Przasnysz, ein kleines Städtchen nördlich von Warschau: Dort wird 1960 ein kleines Mädchen in den Sozialismus geboren. Knapp 60 Jahre später wird sie in Schweden Immobilien im Wert von 100 Millionen Euro besitzen. Ihr Name: Wonna Iwona de Jong. Sie ist eine von vielen Einwandererinnen, die in Schweden ihr Glück gemacht haben, jährliche Millionen Kronen in die Steuerkasse eingezahlt und den „unbeachteten schwedischen Motor“ mitgebaut haben. So nennen die Autoren Nima Sanandaji und Erik Sjölander das Phänomen, das Schwedens Wirtschaft prägt. Schweden war immer in Veränderung – und ist im Grunde traditionell ein „Einwanderungsland“. Die Holländer und Deutschen zum Beispiel, die im 16. Jahrhundert wegen ihrer beruflichen Kompetenzen nach Schweden kamen, haben viele Spuren hinterlassen. Aber welche Spuren gestalten die „Neuen Schweden“, die in den letzten beiden Jahrzehnten nach Schweden gekommen sind? Die Einwanderung nach Schweden hat in dieser Zeit stark zugenommen und 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise mit fast 170.000 Menschen einen Höhepunkt erreicht.

95.000 Unternehmen

Die in den 2000er Jahren nach Schweden eingewanderten Personen sind offenbar besonders kreativ. Heute betreiben sie gut 95.000 Firmen in Schweden und beschäftigen 300.000 Menschen. Damit sind die neuen Schweden eine große Arbeitgebergruppe.  Die Statistik zeigt auch, dass Unternehmer mit ausländischer Herkunft durchschnittlich mehr Angestellte beschäftigen als andere. In einem Artikel der schwedischen Statistikbehörde wird aber auch dargestellt, das jeder Dritte im Ausland geborene Staatsbürger sich für seinen aktuellen Arbeitsplatz überqualifiziert fühlt.

Wenn man diese beiden Statistiken zusammenführt, rundet sich das Bild. Die Geschichte des Akademikers, der in der Heimat erfolgreich ist, aber im neuen Land keinen adäquaten Job bekommt, ist ein häufiges Phänomen. Die eigene Firma ist dann eine naheliegende Wahl, die nicht nur die reelle Kompetenz der früheren Akademiker nutzt, sondern der Wirtschaft auch neue Impulse  zuführt. Wenn sich diese neuen Unternehmen in Schweden entwickeln, profitiert auch die gesamte Wirtschaft davon – und so lässt sich tatsächlich von einem neuen schwedischen Motor sprechen.

Vom Sprachkurs zum Medienkonzern

Beispiele dazu gibt es in fast jedem schwedischen Dorf, aber  einige sind national bekannt geworden. Der Engländer Paul  Rapacioli, der sich in eine schwedische Frau verliebte und spornstreichs nach Stockholm zog, bekam eine Idee, als er am Kurs „Schwedisch für Fremdsprachige“ teilnahm: Es gab keine Möglichkeit, schwedische Neuigkeiten in Englisch zu bekommen. „Ich wollte was Neues ausprobieren und raus aus dem alten Trott“ erinnert sich der Engländer. Rapacioli entwickelte einen Newsletter, der bald sehr populär wurde. Heute besitzt  er einen großen Medienkonzern der in neun Ländern aktiv ist  – darunter Deutschland. 4,5 Millionen Leser folgen seiner Nachrichtenseite „The Local“ mit relevanten Informationen aus dem jeweiligen Land in englischer Sprache.

„Ich mache Business aus allem“, sagt die Multimillionärin Wonna Iwona de Jong. Schon mit 6 Jahren startet sie der Legende nach als Unternehmerin, indem sie auf dem Marktplatz in Polen Gemüse und Obst verkaufte. Später macht sie Geschäfte mit polnischen Kleidern und Make-up. Vor 18 Jahren kam sie nach Schweden und besitzt eins der größten Immobilienunternehmen Schwedens. Ihr Rezept? Sie ist immer noch eine Einzelunter- nehmerin, lehnt eine Börsennotierung ab. „Ich reguliere und kontrolliere das Geld und die Investments selbst. Wir hätten schneller  erfolgreicher sein können, wenn ich mich an der Börse notieren  würde oder wir Investoren reinlassen würden, aber das passt nicht  zu meiner Arbeitsweise.“

Unbekannter ist Muhittin Tayli, der 1989 aus der Türkei nach Schweden kam. Er startete seine eigene Firma, mit der er Olivenöl aus seiner Heimat importierte. Der zunächst kleine Import wuchs, und heute bestreitet er 20 Prozent des schwedischen Speiseölmarktes. Gleichzeitig hat er auch ein kleines Supermarkt-Imperium in den Vororten Stockholms aufgebaut. Unter der Marke „Vivo“ wächst der Umsatz kontinuierlich. Der Millionär hat erkannt: In den bunten Vororten Stockholms werden auch vielfältige Lebensmittel nachgefragt. Bei Vivo in Rinkeby und Tensta findet man nicht nur türkisches Olivenöl, sondern Nahrungsmittel aus der ganzen Welt.

Auch sehr bekannte schwedische Unternehmen wurden von schwedischen Staatsbürgern mit anderen Herkunftsländern gegründet, etwa Securitas, Marabou, Bonniers oder Gleerups. Jeder kennt diese Namen, und mancher wäre sicher überrascht, dass sie von Einwanderern gegründet wurden. Der Sicherheitskonzern Securitas, Fördermitglied der Kammer, ist heute das größte Unternehmen Schwedens – ein besonders eindrückliches Beispiel für den Erfolg des Einwandererunternehmertums in Schweden.  Die schwedische Regierung möchte, dass sich neue Staatsbürger  schnell etablieren und meint, dass man idealerweise nach spätestens zwei Jahren ein Studium aufnehmen oder arbeiten sollte.

Unternehmertum als ein Katalysator des Integrationsprozess gehört noch nicht zu den offiziellen Empfehlungen. Dabei würde eine eigene Firma wahrscheinlich die Integration deutlich effektiver machen. Dr. Quang Evansluong hat in seiner Dissertation an der Universität Jönköping diese Theorie aufgestellt. Ein wechselseitiger Effekt: Unternehmertum beflügelt die Integration. Zugleich ist der Integrationsprozess immer ein notwendiger Teil des Unternehmenskonzeptes, sagt Dr. Quang Evansluong. Durch den ganzen Prozess kooperieren die eingewanderten Unternehmer mit verschiedenen Teilen des Gastlands. „Schritt für Schritt gehen sie den Weg aus der sozialen Ausgrenzung zu  einem Leben, in dem sie total integriert sind. Das Unternehmertum wird dadurch Teil des Integrationsprozesses“, erklärt Dr. Quang Evansluong.

Impulse für die ganze Gesellschaft

Das Unternehmertum des neuen Schweden schafft eine ganze Palette von multikulturellen Firmen. Das erfordert auch Veränderung auf der Verwaltungsseite, das System verständlicher für Unternehmen zu machen. Der Staat muss Regeln anpassen und vereinfachen, um verständlich für die neuen Unternehmer zu werden. Davon profitiert dann wieder die ganze Gesellschaft.

Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich das  „Neue Schweden“ in den kommenden Jahren weiter entwickelt.  Der neue Motor ist für das  Unternehmertum und die Gesellschaft nicht nur wichtig, sondern auch notwendig. Neue Zeiten brauchen neue Ideen und Gedanken. Genau diese werden von Einwanderern bewusst und unbewusst nach Schweden mitgebracht. Denn wer sich neu in Schweden etabliert, sieht das Land mit frischen Augen und erkennt of leichter, woran es noch mangelt.

 
Fernando Di Luca

Di Luca & Di Luca

Fernando di Luca langweilte sich als italienischer Banker und fuhr daher 1961 auf seiner Vespa durch Europa bis nach Schweden.  Dort verliebte er sich in die „wunderschöne Louise mit den Augen“ – und blieb. In Schweden vermisste er aber das Essen seiner Mutter und die Vision war geboren, Italien Stück für Stück nach Schweden zu bringen. Heute ist Di Luca Schwedens bekannteste italienische Familie, die Produkte ihrer Marke „ZETA“ stehen in fast jeder Küche. ZETA setzt mit Speiseöl, Pasta, Bohnen und Antipasti gut hundert Millionen Euro um.

 
Di Lucas schwedisch-italienische Familie

Von Filip Westerlund