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// 5 Fragen an...


Marco Atzberger
Mitglied der Geschäftsleitung,
EHI Retail Institute


„Dem Omnichannel-Handel gehört die Zukunft“


Aufgrund der guten Wirtschaftslage in Deutschland könnte man annehmen, dass es auch dem Einzelhandel prächtig geht. Ist das so?
Die Wirtschaftslage in Deutschland ist gut, die Stimmung der Verbraucher ist gut und auch die Entwicklung im Einzelhandel ist gut. Die nominale Umsatzentwicklung in 2016 lag bei 2,3  Prozent nach 2,9 Prozent im Vorjahr. Für 2017 wird 2 Prozent erwartet. Deutschland hat den größten Einzelhandelsmarkt in Europa, dieser ist ausgesprochen stabil und die augenblicklichen Wachstumsraten von 2 Prozent und mehr locken auch ausländische Händler und Immobilieninvestoren an.
 
Vor wenigen Jahren wurde eine zunehmende Polarisierung des Einzelhandels in preisagressive Discounter und gehobene Angebote, die ein besonderes Einkaufserlebnis bieten, beschrieben. Hält dieser Trend zum "Verlust der Mitte" an?
Im Lebensmittelmarkt beobachten wir derzeit ein Trading-Up der Discounter. Besonders Aldi investiert in sein Ladendesign – speziell Regalsysteme, Kühlung und Licht, aber auch in seine Sortimente. Seit kurzem werden massiv Markenartikel angeboten, die früher nur im Supermarkt zu finden waren. Supermarkt und Discounter passen sich im Lebensmittelhandel an. In den anderen Kategorien setzen die preisaggressiven Formate ihre Expansion fort. Nehmen sie nur Primark. Die Kunden, die hier angelockt werden – mit denen können benachbarte Händler oft nichts anfangen. Grundsätzlich haben sich aber die Schnäppchenjäger zusätzlich ins Internet verlagert.
 
Zalando erzielte 2016 einen Umsatz von 3,64 Milliarden Euro, das ist mehr als der stationäre Umsatz von H&M. Mit welchen Konzepten begegnet der stationäre Einzelhandel dem offenbar unaufhaltsamen Wachstum des Versandhandels?
Um das einmal ins richtige Verhältnis zu setzen, Zalando erwirtschaftet die 3,6 Milliarden Euro weltweit, der weltweite Umsatz von H&M liegt bei ca. 23 Milliarden Euro. Trotzdem ist es faszinierend, wie schnell Zalando, aber auch natürlich Amazon ihren jeweiligen Umsatz aufbauen konnten. Im stationären Handel wächst man einfach so viel langsamer, weil man ja Ladenflächen benötigt und die sind in guten Lagen rar. Dieses Netz an Standorten, die Präsenz in den Städten, direkt beim Kunden, sind gleichzeitig der USP des stationären Handels gegenüber dem Onlinehandel. Eine intelligente Verbindung von online und stationär, ein abgestimmter Omnichannel-Handel ist die Zukunft. Deshalb kommen auch mehr und mehr die ehemaligen Pureplayer auf den Geschmack und eröffnen ihrerseits Geschäfte. Nach unseren Statistiken wachsen die Omnichannel-Händler heute schneller als die Pureplayer – wahrscheinlich sprechen wir in 10 Jahren nicht mehr von „stationärem Handel“ und „Online-Handel“ sondern nur noch von „Handel“.

Besondere Schwierigkeiten machen den kleineren Einzelhändlern in den Innenstädten ja oft die hohen Mietpreise. Müssten Immobilienbesitzer hier nicht viel flexibler reagieren, um eine Verödung der Innenstädte zu verhindern? Kennen Sie erfolgreiche stadtplanerische Ansätze gegen diese Verödungsgefahr?
In den letzten 20 Jahren hat der Handel massiv expandiert und die hohen Mietpreise sind Ausdruck von Angebot und Nachfrage. Ohne viel zu tun, konnten die glücklichen Besitzer von Handelsimmobilien in guten Lagen jedes Jahr Traumrenditen einfahren. Dieser Run ist jetzt zu Ende. Einzelhändler optimieren ihre Standorte und schließen auch, wenn ein Standort keinen Sinn mehr macht. Es ist zu erwarten, dass dies dann auch zeitversetzt in den Preisen festzustellen ist. Bemerkenswert sind Shopping-Center-Konzepte, die heute gemeinsam und nicht mehr gegen den Willen der Stadt umgesetzt werden, und die Investitionen und Kapital für die Stadt bedeuten, die diese selbst nicht aufbringen kann, z.B. in Hanau oder in Mannheim.
 
Sie kommen gerade von der EuroShop-Messe. Welches Thema, welchen Trend fanden Sie da persönlich besonders spannend?
Es ist bemerkenswert, wie Ladenbau und IT zusammenwachsen. Traditionell haben wir eine oder zwei Hallen nur für IT-Spezialisten. Bisher fanden Sie nur dort Themen wie Beacons und Store Navigation, Displays und Content Marketing, Mobile Payment und Kundenbindung. Plötzlich spielt dies auch alles im Ladenbau eine Rolle. IT und Ladenbau gingen auf der Messe eine Fusion ein, eben weil Omnichannel-Konzepte das Gebot der Stunde sind. Diese Ent- wicklungen in den Flächen der Messehallen werden wir demnächst  auch in den Flächen der Stores und Shops sehen.

Über das EHI: Das EHI Retail Institute ist ein Forschungs- und Beratungsinstitut für den Handel und seine Partner mit rund 60 Mitarbeitern. Sein internationales Netzwerk umfasst rund 750 Mitgliedsunternehmen aus Handel, Konsum- und Investitionsgüterindustrie sowie Dienstleister. Das EHI erhebt wichtige Kennzahlen für den stationären und den Onlinehandel, ermittelt Trends und erarbeitet Lösungen.