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// poetry slam in schweden:

Fast undercover und doch sehr lebendig

von Hanna Sjöblom

Deutschland ist das Land der Dichter. Und dieses Dichterland beinhaltet nicht nur Goethe, Schiller und Fontane, sondern ist inzwischen auch  Heimat für die größte Poetry Slam Szene der Welt.
Poetry Slam als lyrische Darstellungsform nahm seinen Anfang Ende der achtziger Jahre in Chicago und hat sich im Laufe eines Jahrzehnts über die ganze Welt ausgebreitet. Ein solcher Dichterwettkampf findet auf offener Bühne statt, jeder darf teilnehmen, es gibt keine komplizierten Anmeldeverfahren. In drei Minuten und neun Sekunden können die Kandidaten einzeln oder als Team ihr Werk vorstellen – als Requisite ist außer dem eigenen Körper und der Stimme nichts zugelassen.

Auch nach Nordeuropa fand der Poetry Slam im Laufe der neunziger Jahre seinen Weg. 1997 fand bereits die erste schwedische Poetry-Slam-Meisterschaft statt. Seitdem wird sie jährlich ausgerichtet, seit einigen Jahren hat sich der Zeitraum über Christi Himmelsfahrt im Mai etabliert. Um sich für die Meisterschaft zu qualifizieren, muss man aus einer der vielen lokalen Wettbewerbe, die über ganz Schweden verteilt stattfinden, als Sieger hervorgehen.

Bewertet wird die Poesie direkt vom Publikum, theoretisch kann jeder Besucher zum Juror werden. Die Jury der jeweiligen Veranstaltung wird direkt aus dem Publikum rekrutiert und besteht aus rei bis fünf Personen oder Gruppen. Bewertet wird neben dem eigentlichen Werk auch die Performance als Ganzes auf einer Skala von 1 – 10 Punkten.

Die freie Form der Veranstaltung bindet die Besucher ein und schafft jedem eine Bühne: „Slam ist das Paradebeispiel für die Demokratisierung der Kunst“, findet Bob Holman, einer der bekanntesten Dichter der Poetry-Slam-Szene in den USA. Der Buchhändler Andreas Möller sieht diesen engen Kontakt als das Reizvolle im Poetry Slam. Der Malmöer hat früher selbst auf der Bühne gestanden und denkt gern an seine Anfänge zurück. „Das Publikum variiert ständig“, erinnert er sich. Auch die Kontakter der Künstler untereinander habe er als besonders gewinnbringend erlebt. „Die meisten Teilnehmer sind relativ jung, aber nach oben gibt es keine Grenze“, beobachtet er. In Schweden sei Poetry Slam mittlerweile weit verbreitet, die Medien berichten jedoch kaum und die Kunstform fristet ein Subkulturdasein. Die Abgrenzung zur Stand-up-Comedy sei im Laufe der Zeit immer stärker verwischt. Durch das komödiantische Element sei es einfacher, Zugang zur Poesie zu finden: „Sie darf dann allgemeinsprachlicher, lustiger und auch gesellschaftskritischer sein“.



Was Poetry Slam ist und was nicht, ist also nicht klar definiert und entwickelt sich ständig. „Ein geliebtes Kind hat vielen Namen“, wie die schwedische Redewendung lautet: In Schweden kursieren auch die Begriffe Estradapoesi oder Spoken Word. Doch unter Spoken Word fällt auch die Stand-up-Comedy, da der Oberbegriff  alles einschließt, was auf einer Bühne gesprochen oder mündlich vorgetragen wird. Zu den neueren Stilformen von Poetry Slam gehört auch der sogenannte Triathlon, bei dem der Poet zusätzlich durch einen Musiker und Tänzer begleitet wird.


Die vereinigten Vororte als Sprungbrett
Poetry Slam gilt als Gegenbewegung zu klassischer, verstaubter Poesie. Damit gewinnt sie ein neues Publikum und bietet ein Sprungbrett: die als problematisch abgestempelten Vororte in Schweden wurden zum Hort der Kultur durch die angehenden Dichter, als die Organisation Förenade Förorter (dt. Vereinigte Vororte) das Konzept dorthin brachte. Ein Grund für die große Beliebtheit, der sich Poetry Slam gerade dort erfreut, könnte die Nähe zum Musikgenre Rap sein. Heute veranstaltet Förenander Förorter den Wettbewerb „Ortens bästa poet“ (Der beste Dichter des Orts), dessen Gewinnern  ähnlich viel Prestige zu Teil wird wie jenen der offiziellen Schwedischen Meisterschaft. Zum Finale kamen 4000 Besucher. Ein derart großes Publikum bedeutet für Sprach- und Textaffine oft den Karrierestart:


Eine der Großen in der schwedischen Poetry Slam Szene ist Olivia Bergdahl; sie hat mit 12 Jahren ihre Karriere auf einer offenen Bühne in Göteborg angefangen. Andere bekannte Slammer sind Maria Maunsbach und Laura Wihlborg, beide sind später beim schwedischen Radio gelandet.

Trotz des Erfolgs sehen sich die Veranstalter von Poetry Slams regelmäßig Finanzierungsschwierigkeiten ausgesetzt. „Es sind sogenannte „Feuerseelen“, die das Ganze betreiben“, sagt ein Göteborger Slammer, der anonym bleiben möchte. „Leute, die ein brennendes Interesse haben, freiwillig und kostenlos etwas zu veranstalten. Aus finanziellen und ideellen Gründen wird wenig Werbung für Poetry Slam betrieben, wodurch eigentlich nur Insider mit der Szene vertraut sind. Selbst die Kommunen, in denen große Poetry-Slam-Vereine aktiv sind, wissen selbst oft nicht um ihre Szene“. Sponsoren sind so nur schwer zu finden. Dass der Kunst dennoch eine Bühne geboten wird, liege am großen Engagement der Aktiven, glaubt er. „Die Poetry Slam Szene ist eine enge Gemeinschaft, in der man einander in allen Belangen gerne hilft, auch quer über die Vereine hinweg“.

Thematisch kommen und gehen aktuelle Themen in den Vorotsslams. „Besonders relevant sind auch LGBT-Anliegen“, beobachtet der Göteborger Poetry Slammer. Die Dichter finden einen sicheren Raum auf der Bühne, verlieren die Scheu, über sich und ihre Probleme zu sprechen. „Dieser Aspekt, das Erzählen über sich selbst und die eigenen Kämpfe war und ist ein wesentlicher Aspekt von Poetry Slam.“



Im großen Vorortswettbewerb „Ortens bästa poet“ wird die Zufallsjury ambivalent gesehen. Um die allzu subjektive Bewertung abzuschwächen bewerten dort je zwei Experten gemeinsam mit drei Zuschauern die Performance.
Medial mag der Poetry Slam in Schweden ein Schattendasein fristen, in den Vororten ist er jedoch eine regelrechte Institution, die jungen Menschen Möglichkeit bietet, sich kreativ auszudrücken. Fazit: Gehen Sie mal hin, es lohnt sich!