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// WEGBEREITER DES wANDELS:

Deutschland und Schweden realisieren den eHighway

Von Helen Hoffmann

In 20 Jahren gibt es nur noch E-Autobahnen in Deutschland und Schweden. Daran hat Christer Thorén von Scania keinen Zweifel. Als Leiter des Projekts eHighway ist er ganz nah dran am Transport der Zukunft. Und die wird im Norden entwickelt: Die Ziele Schwedens sind ambitioniert, bis 2030 soll kein Fahrzeug mehr mit fossilem Treibstoff fahren. Um die erste klimaneutrale Wohlstandsgesellschaft zu werden, setzt Schweden auf partnerschaftliche Lösungen – mit Deutschland.

Vor sechseinhalb Jahren begann eine besondere deutsch-schwedische Innovationsgeschichte. Im Frühjahr trafen sich der schwedische Lkw-Hersteller Scania und der deutsche Konzern Siemens, um die Möglichkeiten eines gemeinsamen Projekts auszuloten. Nur acht Wochen später präsentierten die Unternehmen zusammen ihre Vision für den Transport der Zukunft: In Almedalen stellten sie einen Lkw auf, der an Stromleitungen fahren sollte. Auf das Fahrzeug druckten sie den programmatischen Slogan „Sverige först med elvägar“ und begeisterten die damalige Transportministerin für die Idee.

Von Anfang an war Hasso Grünjes auf der deutschen Seite bei Siemens Wegbereiter des Projekts. Früher war er für Bahnelektrifizierungsanlagen in Skandinavien zuständig. „Damit hatte ich einen Blick auf den schwedischen Markt“, erinnert er sich. Durch den guten Kontakt mit schwedischen Kollegen, wurde das Interesse aus der Politik zur Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs an ihn herangetragen. Siemens sah eine Geschäftschance in der Entwicklung des klimafreundlichen Gütertransports: „Es geht auch um Exportpotentiale für die Wirtschaft. Hier gibt es ein signifikantes Potential für die großflächige Anwendung der Technologie“, ist sich Grünjes sicher.


Co-Lab in der Praxis
Scania und Siemens taten sich zusammen, Trafikverket zeigte sich interessiert, eine neue Technologie in realen Bedingungen zu erproben und erteilte im Herbst 2015 den Zuschlag, das Konzept auf öffentlicher Straße zu realisieren. Damit leben Scania und Siemens das Motto der Hannovermesse Co-Lab, das auf Zusammenarbeit und Innovation setzt, in der Praxis. Außerdem waren die Unternehmen Pioniere für die deutsch-schwedische Innovationspartnerschaft, die Anfang 2017 unterzeichnet wurde. Den Nutzen der formellen Partnerschaft sehen Scania und Siemens in der Zusammenarbeit auf regionalen und ministerialen Ebenen, die einen fruchtbaren Austausch ermöglicht. „So ist es außerdem leichter, Menschen für das Vorhaben zu motivieren“, erlebt Christer Thorén. Die Innovationspartnerschaft beschleunige die Projekte. „Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob die E-Autobahn, die gerade in Hessen gebaut wird, so schnell realisiert geworden wäre ohne das Abkommen von Merkel von Löfvén“. Im Rahmen der Innovationspartnerschaft werden Business Cases erarbeitet, die die Erfahrungen der ersten Elektrifizierungen sammeln, um die zukünftige Arbeit zu erleichtern. Wo man baut, was funktioniert, welche Kosten dabei entstehen – all diese Fragen werden geklärt. Eine wertvolle Ressource für kommende Projekte, findet Christer Thorén: „Mit fundierten Informationen wird es möglich, auch längere Strecken zu bauen“.

Heute fahren auf der ersten Teststrecke in Sandviken die Lkws der Spedition Ernst Express. Doch der Name Teststrecke täuscht: Die Spedition führt reguläre Transportaufträge auf einer öffentlichen Straße aus. Aus der Region Dalarna/Borlänge bringt sie Stahl und Papier zum Hafen von Gävle. Dabei fahren die Lkw ein Stück auf dem elektrifizierten Abschnitt, wo die Lkw sich mit der Oberleitung verbinden und elektrisch weiterfahren. Die Fahrer freuen sich, denn die Fahrt auf der E-Autobahn ist deutlich leiser – und das Potential für die Wirtschaft und Klima ist groß.



Auch Deutschland nimmt erste Strecken in Betrieb
Als Flächenland ist Schweden vom Transport abhängig, der Schienenverkehr stößt jedoch an seine Grenzen. Elektrifizierter Güterverkehr gilt als die Lösung: es müssen keine neuen Flächen mit Schienen bebaut werden, der Wirkungsgrad der Elektromotoren ist doppelt so hoch und spart Co2. „Das hängt jedoch damit zusammen, wie sauber der Strom ist, den man herstellen kann“, gibt Christer Thorén zu bedenken. Auch deswegen fiel die Wahl für die weltweit ersten Tests auf Schweden. Schwedischer Strom liegt bei 70 Gramm Co2 pro Kilowattstunde, in Deutschland bei einem halben Kilo. „Dennoch kann das System auch schon jetzt auch in Deutschland einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, ergänzt Hasso Grünjes.

Das Vorzeigeprojekt lockt Besucher aus aller Welt nach Sandviken, über 2000 waren im letzten Jahr da. Die Strahlkraft ist groß. Hasso Grünjes glaubt daran, dass Schweden sein Ziel der Klimaneutralität erreichen kann: „Das wäre ein wichtiges Signal an andere Nationen“. Bald werden Interessierte auch nach Deutschland an die Teststrecken pilgern. Fördermittel für drei Feldversuche wurden gewährt, die Arbeit läuft auf der A5 in Hessen, der A1 in Schleswig-Holstein und einer Bundesstraße in Baden-Württemberg. Im nächsten Jahr sollen zwei der drei Strecken den Betrieb aufnehmen. Die Ausschreibung für die Fahrzeuge auf den Teststraßen läuft.

Siemens hofft auf eine Weiterführung der Zusammenarbeit mit Scania. Grünjes und Thorén kennen sich mittlerweile gut, die Kooperation läuft reibungslos. „Ich habe so viele Deutsche kennengelernt im Zuge des eHighway, dass ich mein Deutsch in einem Intensivsprachkurs aufgefrischt habe“, lacht Thorén. „Denn wir wollen ja eine Fortsetzung dieses Projekts“.