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// Das Jahrhundertgenie Ingmar Bergman:
Gottlos & Gottbegnadet

 

Es ist das größte Jubiläum einer Einzelperson in der Filmwelt. Die schwedische Regierung hat den diesjährigen 100. Geburtstag von Ingmar Bergman zur nationalen Angelegenheit erklärt, denn „der Filmemacher, Theater-Regisseur und Autor ist ein einzigartiges schwedisches Kulturerbe“.

Während des Bergman-Jahres 2018 wird überall in der ganzen Welt dem in Cannes 1997 prämierten „besten Filmregisseur aller Zeiten“ gedacht. Zum Teil mit bisher unveröffentlichten Manuskripten und Notizen aus seinem Nachlass, der zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört und aus Tausenden von Dokumenten und Briefen Bergmans besteht. Mehr als 40 Bücher über Bergman kommen allein in Schweden in diesem Jahr auf den Markt. In seiner 72jährigen Karriere schuf der arbeitsbesessene Künstler mit über 170 Theaterstücken und mit mehr als 60 Filmen ein neues Genre, als er die Tiefen der menschlichen Seele zeigte. Unter den etwa 50 Neuinszenierungen seiner Werke im Jubiläumsjahr wird es auch Remakes seines Films „Szenen einer Ehe“ geben. Tochter Eva Bergman wird den mit vier Oscar prämierten Film „Fanny und Alexander“ in ihrer persönlichen Version auf die Bühne bringen und auch das Buch „Die Unruhigen“ von Tochter Linn Ullman über die Beziehung zu ihrem Vater wird als Theaterstück inszeniert.

In seinen letzten Interviews offenbarte Bergman, dass er als Kind ein „enthusiastischer Umarmer“ war, doch „meine Mutter hat mich immer weggeschoben“. Er habe in seiner Kindheit viel geweint, denn sein Vater, ein Pastor, habe ihn oft verprügelt. Seine Kindheitserlebnisse verarbeitete Bergman ausführlich in seinen Filmen. Ihm war es wichtig, mit seinen vielfach ausgezeichneten Werken „in die Geheimnisse hinter den Wänden der Wirklichkeit einzudringen“. Er besaß dabei ein feines Ohr für die Zwischentöne, die er in seinen Filmen klar zum Ausdruck brachte. Er hatte auch keine Scheu, die Sexualität offen darzustellen, eine Tatsache, die seinem Film „Das Schweigen“ 1963 zu einem Skandalerfolg verhalf. Seine strenge religiöse Erziehung habe aus ihm einen „Gottlosen“ gemacht. In seinen Filmen thematisierte er daher oft die erfolglose Suche nach Gott.

5 Ehen, neun Kinder
Auch privat war er ein „Suchender“. Er war fünf Mal verheiratet und bekam neun Kinder. Im hohen Alter gab er zu, „familienfaul“ und selbst als Erwachsener noch „pubertär“ gewesen zu sein. Zudem kämpfte er zeitlebens mit dem Katastrophen-Dämon, „der immer davon ausging, dass alles schief läuft“, dem Angst-Dämon vor Tieren und vielen Menschen, dem Wut-Dämon, der ihn zu einem „leicht reizbaren Menschen“ gemacht habe, und dem Dämon, der sehr nachtragend war, so habe er „ein Gedächtnis wie ein Elefant besessen, der nie etwas vergisst.“ Doch zum Glück sei er nicht vom Dämon der Ideenlosigkeit heimgesucht worden, denn die Kreativität sei für ihn in seinen vielen Krisen „lebensrettend“ gewesen.

Ingmar Bergman starb 2007 im Alter von 89 Jahren auf der Insel Fårö, auf der er seit 1965 wohnte. Die Stiftung „Ingmar Bergman“ in Stockholm und das Bergmancenter auf Fårö halten sein Vermächtnis am Leben, denn – so seine einstige Lebensgefährtin Liv Ullmann, die auch in vielen seiner Filmen mitwirkte – Bergman erinnert uns scharf- und tiefsinnig daran, wer und was wir eigentlich sind.

Auf der Suche nach Ingmar Bergman
Das Jubiläum nahm die deutsche Regisseurin Margarethe von Trotta („Die bleierne Zeit“) zum Anlass, um sich dem Leben und Schaffen Bergmans dokumentarisch zu nähern und mit zeitgenössischen Filmemachern über dessen Werke zu diskutieren. Auch um die Wechselwirkung zwischen den beiden Regisseuren geht es im Dokumentarfilm „Auf der Suche nach Ingmar Bergmann“: Von Trotta beschloss, selbst Regisseurin zu werden, nachdem sie Bergmans „Das siebente Siegel“ gesehen hatte. Und Bergman bekannte einst, dass ihn von Trottas „Die bleierne Zeit“, der 1981 den Goldenen Löwen in Venedig gewann, wie kaum ein anderer Film geprägt habe. So ist ein sehr persönlicher Film entstanden mit eindrucksvollen Gesprächen, etwa  mit Liv Ullmann, mit dem Sohn Daniel Bergmann oder mit Rita Russek. Ein guter Einstieg, um die Faszination zu verstehen, die von Bergman bis heute ausgeht.

Text von Suzanne Forsström