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// BILDUNG ALS BUSINESS?

Das schwedische Friskol-Modell weist 25 Jahre nach seiner Einführung eine gemischte Bilanz auf.

Barbara Bergström, BildungsunternehmerinBarbara Bergström, in Buffalo in den USA geboren, ist heute eine der erfolgreichsten Unternehmerinnen in Schweden. Ihr Geschäftsfeld? Schulen. Barbara arbeitete selbst als Lehrerin, aber fühlte sich niemals wirklich geschätzt. Es gab keine Motivationsfaktoren – außer ab und zu eine Notiz vom Rektor im Schließfach. „Ich war sehr frustriert. Ich hatte mich immer ein bisschen extra angestrengt, aber das wurde niemals gesehen. Als dann 1992 die Friskol-Reform kam, war ich eine der ersten, die ihre eigene Schule startete.“ Heute ist ihre internationale englische Schule börsennotiert, 2016 lag der Umsatz bei 184 Millionen Euro.  

Die Friskol-Reform liegt also nun ein Vierteljahrhundert zurück. Es ist in Deutschland wenig bekannt, dass ausgerechnet im einst so sozialdemokratischen Schweden eine Bildungsreform dazu geführt hat, dass mit Schulunterricht im großen Stil Geld verdient wird, dass Schulen an der Börse gelistet werden.
Barbara Bergström, Bildungsunternehmerin

Kein anderes europäisches Land hat annähernd so lockere Bestimmungen für die Betreiber von Privatschulen, keines lässt Gewinnentnahmen aus dem Schulbetrieb zu. Die Intention der Friskol-Reform war, das träge Schulsystem zu beleben und die Schulen durch privaten Wettbewerb besser zu machen. Freie und öffentliche Schulen sollten um die Schüler konkurrieren, um das System und die Qualität insgesamt zu verbessern. Eltern dürfen frei entscheiden, bei welcher Schule ihre Kinder lernen sollten. Private Schulen erhalten vom Staat die gleiche finanzielle Zuwendung wie öffentliche. Das funktioniert, indem der Staat die Schulbildung jedes Schülers über Bildungsschecks finanziert, die direkt an die Schule gehen. Alle schwedischen Familien – besserverdienend oder benachteiligt – können dieses System nutzen. Die freien Schulen werden von Unternehmen, Stiftungen oder Organisationen geführt und die Lehrer direkt von der Schule angestellt.

Gedacht hatte man wohl eher an kooperative und kirchliche Schulen, aber de facto ergriffen viele private Unternehmer diese Chance – und erzielten beachtliche Gewinne. Heute ist ein Viertel aller weiterführenden Schulen privat, die Hälfte davon gehört Unternehmen.

AcadeMedia: Start in Deutschland

Barbara Bergström ist nicht die einzige Bildungsunternehmerin an der schwedischen Börse. 1996 wurde AcadeMedia gegründet, damals als Unternehmen für die Erwachsenausbildung. Heute hat AcadeMedia 12.500 Mitarbeiter und deckt das ganze Spektrum von Kindergärten bis zur Gymnasialausbildung ab. Die Firma gehört zu den größten Bildungsunternehmen Nordeuropas, 2016 lag der Umsatz bei 884 Millionen Euro. Seit 1996 hat AcadeMedia viele Schulen gegründet oder gekauft und expandiert weiter. Seit dem vergangenen Jahr sind die Schweden auch in Deutschland aktiv, unter dem Namen „AcadeMedia GmbH“ mit Hauptsitz in München. In Deutschland ist AcadeMedia mit der Übernahme der Kitagruppe Joki gestartet, die in München sieben bilinguale Krippen und Kindergärten betreibt. In April 2017 folgte die Berliner Kitagruppe Stepke.

In der Politik wird derzeit eine Profitgrenze diskutiert – zum Beispiel sieben Prozent. Schulleiterin Barbara Bergström hält das nicht für zielführend: „Wir sind smart genug, um solche Regeln zu umgehen, eben weil wir nicht denken, dass das sinnvoll ist“. Heute macht ihr Konzern jährlich 10-12 Prozent Profit – mit Geld vom Staat. Doch im schwedischen Wahlkampf ist das Thema „Profit mit Wohlfahrt“ präsent, man darf auf die Diskussionen im kommenden Jahr gespannt sein. In Umfragen befürworten acht von zehn Schweden eine Gewinnbremse im privaten Schulsektor – das wird bei den Parteien nicht ungehört bleiben.


Schwedische Eltern können die Schule für ihre Kinder frei wählen.



Volvo, Sandvik und ABB betreiben Schulen

Es gibt auch andere, nicht börsennotierte Beispiele für Schulen, die von privaten Firmen erfolgreich betrieben werden. Besonders interessant: auch die Konzerne Volvo, Sandvik und ABB betreiben eigene Schulen. Diese Schulen wurden gegründet, weil die Firmen bestimmte Kompetenzen für die Mitarbeiter der Zukunft sicherstellen wollten. Bei der Volvoschule in Skövde unterrichten Techniker und Fachlehrer von Volvo schon seit 1952. Die Plätze an der Schule sind heute so begehrt, dass die Schule sich ihre Schüler aussuchen kann – und die haben deutlich bessere Einstiegsnoten als die der öffentlichen Schüler in der Umgebung. Während die Volvo-Schule im Konzernbesitz ist, hat sich Sandvik für ein Coop-Modell mit der Gemeinde Östhammar entschieden, die einen kleinen Anteil an der Schule besitzt.

Der freie Schulmarkt in Schweden kennt Erfolgsgeschichten, aber im Konkurrenzkampf gibt es auch Verlierer. Ein Beispiel ist die Gesellschaft John Bauer Education, Eigentum der dänischen Investmentgruppe Axcel. Bei ihrem Konkurs hinterließ die Firma einen Schuldenberg von mehr als 100 Millionen Euro. 11.000 Schüler hatten keine Schule mehr und 1.000 Lehrer wurden arbeitslos. Der Konzern war 2013 das erste Beispiel, das die Marktkräfte wirklich zeigte. Dem Unternehmen zufolge lagen die finanziellen Schwierigkeiten an gesunkenen Schülerzahlen auf der weiterführenden Schule. Heute weist ein Viertel aller schwedischen Schulen ein Defizit auf. Als daraufhin die Kritik gegen die Freischulen wuchs, forderte der damalige Bildungsminister Jan Björklund eine Ausbildungsgarantie, die sicherstellen sollte, dass alle Schüler aus Konkursschulen ihre Ausbildungen an anderen Schulen abschließen. So gibt es heute ein Öffentlichkeitsprinzip, demzufolge die wirtschaftliche Situation der privaten Schulen immer veröffentlicht werden müssen. Weiterhin darf man aber Geld verdienen. Und ob Praktiken wie bei John Bauer, wo Lehrer Prämien für einen guten Notendurchschnitt erhalten hatten, verhindert werden können, ist offen. Denn auch eine Qualitätsdebatte stellt die Freischulen in Frage: Seit Jahren sinken die PISA-Leistungen Schwedens stetig. Studien haben gezeigt, dass viele Freischulen aus Spargründen nicht nur weniger, sondern auch geringer qualifizierte Lehrer anstellen – die Intention der Reform würde damit konterkariert.

Ideen für die Öffentlichen

Und welche Impulse gab der Wettbewerb für die öffentlichen Schulen? 2013 gründete die Stadt Stockholm die „Stockholm Science and Innovation School“ – die erste neue öffentliche Schule seit 20 Jahren. „SSIS“ legt einen Schwerpunkt auf Kooperationen mit Unternehmen, unter anderen IBM, Ericsson, Microsoft und mit der Stockholmer Universität und der Technischen Hochschule in Göteborg. Das Konzept hat damit einen technischen Akzent, die Schüler haben zum Beispiel eine Smart-Applikation für den Öffentlichen Nahverkehr in Stockholm (SL) als Schulprojekt entwickelt. „SSIS“ setzt also, wie auch viele Privatschulen, auf den Austausch zwischen Wirtschaft und Ausbildung. SSIS-Rektor Patrick Vestberg setzte sich zu Beginn besonders für eine Zusammenarbeit mit Ericsson ein, damit später andere Firmen folgen würden. „Wir haben die Perspektive dieser Unternehmer verändert. Die verstanden erstmal nicht, wie Sechzehnjährige ihnen helfen sollten, aber jetzt sehen sie, wie großartig die Kompetenzen unserer Schüler sind“.

Mit oder ohne staatlich finanzierte Privatschulen – der Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung ist breit etabliert. Von erfolgreichen Privatschulen über berufsnahe Schulen von Volvo, Sandvik und ABB bis zur öffentlichen Stockholmer Science and Innovation School ist das System auf jeden Fall bunt und dynamisch. Gegenwärtig laufen Studien, um den Vergleich zu den Resultaten anderer Schulen in Europa neu zu ziehen und zu bewerten.

Die politische und öffentliche Bewertung des schwedischen Modells ist heute offen. Zwar äußern sich die Schweden immer noch größtenteils positiv über das System. Doch die kritischen Stimmen derer, die eine Bereicherung der Unternehmen zum Nachteil ihrer Kinder nicht hinnehmen wollen, werden lauter. Nach einem Export des schwedischen Friskol-Modells in andere europäische Länder sieht es im Moment jedenfalls eher nicht aus. Nach unternehmerischen Aktivitäten der schwedischen Bildungsfirmen im Ausland allerdings sehr wohl.

Von Filip Westerlund und Peter Marx