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// FinTech: Bankenschreck?

Die Digitalisierung verändert das Geschäftsmodell der Banken


 

Von Anja Benksch


Ein Coffee to go, ein Päckchen Kaugummi, die Zimtschnecke zur fika: In Schweden zahlt man diese Kleinbeträge mit seiner Karte oder mit einer App. So üblich ist das bargeldlose Bezahlen geworden, dass viele schwedische Geschäfte und Restaurants mittlerweile nicht mehr auf Scheine und Münzen eingestellt sind. Aus deutschen Portemonnaies ist das Bargeld vielleicht noch nicht wegzudenken, aber auch jeder Zweite in Deutschland ist bereits im Besitz eines Smartphones und damit potentieller Kunde für die sogenannten FinTech-Unternehmen. FinTech, das Kofferwort aus Financial Services und Technology, klingt so unkompliziert und benutzerfreundlich wie die modernen Technologien im Bereich der Finanzdienstleistung, die es bezeichnet.Einige Branchen hat die Digitalisierung bereits auf den Kopf gestellt. Spätestens jetzt hat der Transformationsprozess  auch den Finanzsektor erreicht – der Verlauf dieser Entwicklung und ihr Ausmaß ist bisher kaum abzuschätzen. So viel aber ist klar: Auf einem Markt, der bisher fest in der Hand von traditionellen Geldinstituten lag, drängen – getragen von der Digitalisierung – junge Startups mit neuen Ideen und innovativen Geschäftsmodellen.

FinTech-Unternehmen bieten im Internet neuartige Benutzer-oberflächen, über die klassische Bankgeschäfte wie Zahlung, Darlehen oder Anlage von der Technik selbstständig abgewickelt werden. Die Zukunftsvision von FinTech: Finanzgeschäfte werden mit „virtuellem Handschlag“, also per Klick, abgeschlossen. Statt auf direkten Kundenkontakt zu setzen steht die „Userexperience“ im Vordergrund. Online-Formulare müssen möglichst unkompliziert und leicht zu bedienen sein.
Seit der Finanzkrise stellt sich die Frage, ob die Banken in ihrer bisherigen Form weiterbestehen können. Durch die Entwicklungen in der FinTech-Branche intensiviert sich die Konkurrenz nun und nimmt die klassische Wertschöpfungskette der Banken ins Visier der digitalen Transformation.
Wie werden die neuen Technologien das Geschäft der Banken dauerhaft umgestalten? Werden die Apps Konkurrenz oder Kooperationspartner der Banken? Wie bekommen Privat- und Geschäftskunden diese Veränderungen zu spüren?

Swish und iZettle –
FinTech made in Sweden

Ein Blick nach Schweden, wo die digitale Zukunft des Finanzgeschäfts schon längst begonnen hat, lohnt sich. Dass die digitale Transformation des Geldgeschäfts hier breite Akzeptanz gefunden hat, liegt nicht zuletzt daran, dass gerade die etablierten Finanzakteure schon seit geraumer Zeit bargeldlose Transaktionen forcieren. Das beste Beispiel dafür, dass die Digitalisierung nicht nur für FinTech-Unternehmen Potential bietet, sondern dass sich gerade die Banken an die Spitze dieser Entwicklung setzten können, ist die App Swish. 2012 taten sich die großen Banken Danske Bank, Handelsbanken, Länsförsäkringar Bank, Nordea, SEB, Skandia Bank, Swedbank und die schwedischen Sparkassen zusammen, um die mobile Echtzeit-Überweisung zwischen Privatkunden zu ermöglichen. Das Ergebnis: Swish. Die populäre App lässt sich innerhalb weniger Sekunden im Online-Banking der eigenen Bank aktivieren und erlaubt dem Kunden über Smartphone direkt auf das eigene Bankkonto zuzugreifen. Die Transaktion wird dann direkt von Konto zu Konto überführt  – wenn die Rechnung im Restaurant geteilt werden soll oder man für ein Geschenk zusammenlegt. Kontonummern braucht man nicht mehr, denn die Empfänger kann jeder einfach in seinem Telefonbuch auswählen. Mehr als die Hälfte der Schweden nutzt die Bezahlapp, teilte Swish aktuell mit, darunter auch Firmenkunden – Tendenz weiter steigend. Selbst in den Sprachgebrauch ist die Digitalisierung eingebrochen: Eine App-Bezahlung gilt als „swishen“.  

Ein anderes erfolgreiches Geschäftsmodell aus Schweden ist iZettle. Mit einem kleinen Chip-Kartenleser und einer App lassen sich Kartenzahlungen über Smartphone oder Tablet abwickeln. Die Benutzeroberfläche gleicht einem Kassensystem. 2013 wurde iZettle von MasterCard mit dem Best-Practice-Preis ausgezeichnet.
Auch in Deutschland haben sich FinTech-Unternehmen auf dem Markt etablieren können. Das Startup Number26 aus Berlin bietet das erste Konto, das komplett über das Smartphone steuerbar ist. Ein Konto, so das Versprechen, lässt sich in nur acht Minuten online eröffnen. Neben Bezahldiensten digitalisiert sich außerdem das Kreditwesen. Die größte Marketplace-Lending-Plattform in Deutschland ist das Unternehmen Auxmoney, über das Kredite von privat an privat vergeben werden. Das in Düsseldorf ansässige Unternehmen wirbt mit einer  Bonitätsprüfung auf der Grundlage von BigData, in die auch soziodemographische Erkenntnisse einfließen.


FinTechs zielen bisher besonders
auf Privatkunden


Gerade im Privatkundengeschäft, über das viele Banken einen wesentlichen Anteil ihres Gewinns erzielen, ist die Konkurrenz von FinTech stark. Mehr als 20 Prozent aller Spar- und Anlageprodukte werden heute schon per Klick gekauft. Die neuen Finanztechnologien konzentrieren sich auf die Privatkunden, da sie besonders hier von den veränderten Bedürfnissen der Kunden profitieren. Das digitale Interface scheint inzwischen für viele eine bequeme Alternative zum direkten Kundenkontakt in der Bankfiliale geworden zu sein. Die Anforderungen von Geschäftskunden stellen jedoch auch die FinTechs vor große Herausforderungen. Hier haben die Banken mit ihrem Know-how derzeit noch klare Vorteile. Der Einschätzung der Unternehmensberatung McKinsey zufolge liegt aber gerade im Bereich der Klein- und Mittelständischen Unternehmen ein vielversprechendes Kundensegment für FinTech. Mehr als 200 Millionen kleinere Unternehmen weltweit seien in Finanzfragen nur unzureichend betreut, schreibt McKinsey in einem Bericht vom März 2016. Die Experten erwarten, dass FinTechs schon bald mit speziellen Angeboten diese Marktnische füllen könnten. Vor allem in Deutschland, wo der Mittelstand weiterhin stark ist, sehen sie großes ungenutztes Potential für Onlinedienstleistungen: „So könnten sie mit Hilfe von Algorithmen sowohl das Nutzererlebnis als auch die Ergebnisse verbessern, z.B. mit höheren Anlagerenditen oder Mittel bereitstellen, die die kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht von Banken oder auf den Kapitalmärkten erhalten hätten.“


Herausforderung und Chance –
auch für die Banken


Der Markt ist in ständiger Bewegung, der Wettbewerb so dynamisch wie nie zuvor und die Kunden sind offen für Veränderungen. Ob Bill Gates denkwürdige Aussage, „Banking ist notwendig, Banken nicht“, sich bewahrheiten wird, bleibt jedoch abzuwarten. Die Konkurrenz unter den FinTechs ist hart, viele neue Modelle müssen sich am Markt erst noch bewähren. Aber auch für die Banken ist FinTech eine Herausforderung, die, wenn sie ganz oben auf der Agenda steht, die Banken zukunftsfähig machen kann. Die Finanzexperten von McKinsey sehen die Banken an einem Scheideweg, an dem es durchaus Anlass für Optimismus gibt: „Durch Kundenabwanderung und schrumpfende Margen könnten Banken etwa 30 bis 40 Prozent ihrer Erträge an die neuen Wettbewerber verlieren – wenn sie untätig bleiben“. Sollten die Banken dagegen selbst ihre gesamte Wertschöpfungskette  digital transformieren, könnten sie ihre Erträge im Idealfall sogar um die Hälfte steigern. Um den Herausforderungen der Digitalisierung zu begegnen muss bei den Banken ein grundlegendes Umdenken in allen Geschäftsbereichen stattfinden. Während  bestehende Strukturen die Umsetzung von Innovationen erschweren, birgt gerade der große Kundenstamm und die bereits etablierten Markennamen Möglichkeiten neue digitale Lösungen  großflächig umzusetzen.

Die Banken scheinen das erkannt zu haben und sehen in aufstrebenden Startups statt Konkurrenten Kooperationspartner, die  ins Boot geholt werden müssen. Mit ihren Investitionen werden  die Banken so selbst zur Treibkraft der Digitalisierung. Die Commerzbank stellt mit dem main incubator, und der comdirect Start-Up Garage attraktive Infrastrukturen für Neugründer zur Verfügung. Auch die Deutsche Bank geht auf FinTech zu und investierte bereits drei Milliarden Euro in digitale Technologien. Innovationslabs der Deutschen Bank in den Finanzmetropolen der Welt sollen die gemeinsamen Zukunft von App und Bank schmieden. Auch der Sparkassenverband entwickelt moderne Payment-Lösungen für seine Kunden.
Das Zukunftsthema Digitalisierung wird die Finanzbranche in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen. An den neuen Technologien führt für die Banken kein Weg mehr vorbei. Davon könnten aber - so sieht es derzeit aus - alle Akteure, Banken, FinTech und Kunden, profitieren.



Die Sicht der Banken


Thomas Ejnar, Handelsbanken:
Handelsbanken gehört in Schweden zu den Partnern, die 2012 die erfolgreiche App Swish für mobile Echtzeitüberweisungen zwischen Privatleuten eingeführt haben. Warum gibt es Swish eigentlich nicht in Deutschland?
Swish ist eine Kooperation der schwedischen Banken und beinhaltet ein eigenes Echtzeit-Abwicklungssystem. Ein ähnliches System im extrem fragmentierten deutschen Bankenmarkt zu schaffen, ist natürlich viel schwieriger.
2018 steht die Umsetzung der sogenannten zweiten Zahlungsdiensterichtlinie (Payment Services Directive, PSD 2) an (siehe Artikel auf seite 12). Das klingt abstrakt, wird aber von Experten als tiefgreifende Veränderung analysiert. Was bedeutet PSD 2 aus Ihrer Sicht?
PSD 2 könnte im Laufe der Zeit einen tiefgreifenden Einfluss auf den Bankenmarkt haben. Heute kontaktiert jemand, der Kunde bei einer bestimmten Bank ist, diese Bank (physisch oder digital) direkt, wenn eine Transaktion durchgeführt werden soll. In Zukunft könnte er sich stattdessen dafür entscheiden, einen Vermittler zu kontaktieren, der wiederum die preiswerteste Bank für die Transaktion wählt. Dies würde bedeuten, dass die Bank den Kontakt zum Kunden verliert und stattdessen zu einer Art Rohstoffanbieter wird.
Es ist jedoch zu beachten, dass dies keineswegs neu ist. Es gibt bereits Websites wie Check24 etc. und Kunden wird bereits der Vergleich der Konditionen von verschiedenen Banken für einen bestimmten Service angeboten. Neu ist, dass die bestehenden Banken gezwungen werden, Konto- und andere kundenspezifische Informationen an den Vermittler zu geben (nach Zustimmung des Kunden), was in der Regel die Rolle des Vermittlers stärken wird.
Der Vermittler wird wiederum Geld verdienen, indem er Kickbacks von den Banken verlangt und/oder Informationen über das Kaufverhalten des Kunden an einen Dritten verkauft. Ob diese Entwicklung wirklich im Interesse des Verbrauchers liegt, könnte in Frage gestellt werden, aber das ist dann eine ganz andere Frage...
Denken Sie, dass der digitale Wandel die Existenz von Banken theoretisch überflüssig machen könnte?
Zunächst: der Vermittler wird nie eine Bank werden, aber die Konkurrenz zwischen den Banken wird gesteigert, was, wenn die Rahmenbedingungen sonst unverändert bleiben, die Rentabilität der Banken belasten wird. Eine andere Frage ist, wer die Rolle als Vermittler nehmen wird? Die Banken investieren selbstverständlich selbst stark, um in der Lage zu sein, attraktive Plattformen zu entwickeln, manchmal in enger Zusammenarbeit mit der FinTech-Welt. Aber auch Akteure wie  Google und Facebook sind sehr gut positioniert.

Detlef Jöhnk, SEB:
In Deutschland konzentrieren Sie sich ja auf das Firmenkunden- und Immobiliengeschäft. Welche Innovationen und Veränderungen sehen Sie in diesem Bereich durch FinTech jetzt schon, welche werden kommen?
Wir sehen jetzt schon sehr viel  Bewegung durch FinTechs im Firmenkundenbereich. Im Grunde sind die meisten unserer Geschäfte  Vermittlungsgeschäft gepaart mit Beratung. Wir sehen immer mehr digitale Plattformen, die uns Banken als analoge Plattformen ersetzen können (360 T, CRX Markets etc, Finnest). Volumen und Transparenz,  die solche Plattformen mit sich bringen, haben auch deutliche Auswirkungen auf  das Pricing. Noch sind manche FinTechs nicht in der Lage mit Banken mitzuhalten, gerade was Kapitalisierung angeht, aber langfristig können sich Plattformen durchsetzen. Die Digitalisierung setzt jetzt bei standardisierten Produkten (FX) an und zieht sich langfristig bis hin zu den komplexeren Produkten wie z.B. der syndizierten Kreditfinanzierung.