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// 5 Fragen zum brexit

„Der Brexit kann 9.000 neue Arbeitsplätze in Frankfurt bedeuten“

Marius Gero Daheim, Senior Referent Finanzanalyse SEB AG

5 Fragen an...

Marius Gero Daheim
Senior Referent Finanzanalyse
SEB AG

Wie es aktuell aussieht, machen die Briten ernst und bereiten einen konsequenten Ausstieg aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion vor. Wie schätzen Sie die Folgen für die kontinentaleuropäische Wirtschaft ein?

Ein Abbau von Handelsbeziehungen führt zu wirtschaftlichen Nachteilen für beide Handelspartner. Die potenziellen Wachstumseinbußen infolge des Brexit sind aber ungleich verteilt, da für Großbritannien die EU der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt ist, wogegen es selbst als Absatzmarkt für die meisten EU-Staaten von viel geringerer Bedeutung ist. Nur die UK-Exporte der Länder Luxemburg, Irland und Malta sind höher (in Relation zum jeweiligen BIP) als die EU-Exporte Großbritanniens. Vorausgesetzt, dass die Brexit-Verhandlungen konstruktiv verlaufen und ein harter Bruch der Handelsbeziehungen vermieden wird, sollten die Wachstumsverluste für die EU-Wirtschaft spürbar, aber verkraftbar sein und in den kommenden Jahren unterhalb eines halben Prozentpunkts des BIP je Jahr liegen.

Was ändert sich durch den Brexit für die Banken – und gegebenenfalls für den Bankenstandort Frankfurt?

Banken, die bisher ihre Geschäfte in der EU von London aus betrieben haben, werden im Zuge des Brexit, also voraussichtlich ab 2019, den Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren. Um auch künftig  im größten Binnenmarkt der Welt ihre Dienstleistungen anbieten zu dürfen, werden sie ihren Sitz in einen der 28 EU-Mitgliedstaaten verlagern müssen. Deutschland bzw. Frankfurt konkurriert hier mit diversen anderen europäischen Metropolen, die jeweils unterschiedliche Vorzüge und Spezialisierungen bieten. Zur Disposition stehen nach unserer Schätzung ca. 30.000 Arbeitsplätze, von denen mittelfristig ca. 6.000-9.000 nach Frankfurt kommen könnten. Dies könnte den laufenden Arbeitsplatzabbau in der hiesigen Finanzbranche ausgleichen und damit stabilisierend auf die lokalen Steuereinnahmen und Kaufkraft wirken. Allerdings würde sich auch der Wettbewerb unter den ansässigen ca. 300 Banken verschärfen.

In großen Veränderungen liegen ja oft auch Chancen – worin könnten diese hier bestehen?

Die Austritts-Entscheidung der Briten markiert zweifellos eine Zäsur im Prozess der europäischen Einigung. Auch in anderen EU-Mitgliedstaaten weist der Aufstieg populistischer Parteien auf eine Überforderung vieler Menschen mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen von Globalisierung und Europäisierung hin. Es droht eine nachhaltige Abwendung der Bürger von der Europäischen Idee bzw. ein Rückfall in Nationalismus. Die Chance, die die aktuelle Krise Europas eröffnet, liegt in einer tief greifenden Reform der EU. Dabei sollten, dem Subsidiaritätsprinzip folgend, EU-Kompetenzen zurückgebaut werden, die Demokratisierung der EU vorangetrieben und die europäische Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheits- und Sozialpolitik vorangetrieben werden.
 
Apropos Wandel: die schwedische Reichsbank er- wägt die Einführung einer „e-Krona“. Was steckt dahinter – und halten Sie das für sinnvoll?

Die Riksbank hat im vergangenen November angekündigt, die Einführung elektronischen Bargelds zu prüfen. Anlass hierfür ist der in Schweden bereits heute sehr hohe Anteil bargeldloser Zahlungen im Einzelhandel sowie die steigende Anzahl an Internet-Käufen. Die sogenannte „e-Krona“ soll den Bürgern eine Alternative zum Bargeld bieten, dieses aber nicht ablösen. Technisch würde sie funktionieren wie der Bitcoin. Über die Einführung soll binnen zwei Jahren entschieden werden. Bis dahin müssen zahlreiche technische und rechtliche Fragen geklärt werden. Ganz zentral ist dabei die Frage der Anonymität des Zahlungsvorganges. Zu klären ist auch, ob e-Krona-Guthaben verzinst werden (wie Giralgeld) oder zinslos gestellt werden (wie Münzen und Banknoten). Wie für jede Währung gilt auch für e-Cash der Grundsatz „Geld ist, was gilt“. In einer weitgehend bargeldlosen und informationsrechtlich „offenen“ Gesellschaft wie Schweden wird die Akzeptanz für die e-Krona vermutlich hoch sein. In Deutschland dagegen mit seiner hohen Bargeld-Nutzung (ca. 80 Prozent aller Bezahlvorgänge) dürfte ein „e-Euro“ einen schwereren Stand haben, zumal Kritiker darin den ersten Schritt zur Abschaffung des Bargelds sehen könnten.

Stark im Wandel ist auch das Bankengeschäft selbst. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Trends und was tut die SEB, um im Wandel erfolgreich zu sein?

Es geht um viel mehr als Trends. Die gesamte Bankbranche ist in einem historischen Umbruch: Neue Technologien wie Blockchain, neue FinTech-Wettbewerber, Digitalisierung und das negative  Zinsumfeld sind nur einige Stichworte. Die SEB hat sich seit 160 Jahren erfolgreich Veränderungen angepasst. Es ist Teil der SEB-Kultur, neue Technologien zu identifizieren und in das Produkt- und Leistungsspektrum zu integrieren. Wir prüfen stets, ob es für unsere Kunden einen Mehrwert bedeutet, wenn wir das Geschäft digitalisieren, mit FinTechs kooperieren oder neue Technologien wie Blockchain implementieren. Wandel begreifen wir als Herausforderung, die wir annehmen.