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// Schwerpunkt Neue Arbeitswelt
„Kreative Zerstörung“

Ulf Rinne Ulf Rinne ist Experte für Arbeitsmarkt- und Migrationspolitik am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Mit Schweden Aktuell hat er über die Veränderungen der Arbeitswelt durch die Digitalisierung gesprochen und welche Chancen er in der Integration für den Arbeitsmarkt sieht.

Die Digitalisierung und die Automatisierung verändern unsere Arbeitswelt in einem atemberaubenden Tempo. Welche Berufe werden ver- schwinden und welche entstehen neu?

Rationalisierungsmaßnahmen haben bislang vor allem Beschäftigte mit geringer Qualifikation  betroffen. Das wird sich ändern, denn die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung bedroht zunehmend auch die Perspektiven  von besser Qualifizierten. Beinahe unabhängig  vom Qualifikationsniveau ist ein Berufsbild  tendenziell gefährdet, wenn der Anteil von  Präzisions- und Routinetätigkeiten hoch ist –  denn hier sind Maschinen den Menschen überlegen. Umgekehrt zeichnen sich zukunfts-sichere Berufe vor allem durch hohe Anforderungen in den Bereichen Kreativität, soziale  Intelligenz und unternehmerisches Denken aus.  Diese Kompetenzen werden wohl auch für neu entstehende  Berufsbilder bestimmend sein. Also können zum Beispiel Architekten und Ärzte, aber auch Förster und Fitnesstrainer aufatmen.

Denken Sie, dass der Arbeitsmarkt insgesamt durch die Digitalisierung eher unter Druck gerät – oder entsteht genügend neue, nur eben andere Arbeit?

Die Digitalisierung vernichtet Arbeitsplätze – aber das ist keine neue Entwicklung. Die Menschheit sieht sich bereits seit Jahrhunderten mit den Herausforderungen konfrontiert, die der technische Fortschritt mit sich bringt.  Allerdings scheint sich dieser permanente Wandel aktuell mit vorher nicht bekannter Geschwindigkeit zu vollziehen. Es ist jedoch weiterhin ein Prozess der „kreativen Zerstörung“. Dazu gehört, dass namhafte  Unternehmen vom Markt verschwinden, ebenso einstmals  mächtige Wirtschaftszweige und altbekannte Berufe. Gleich- zeitig entstehen jedoch neue Tätigkeitsfelder, Firmen und ganze Branchen, die es in der Vergangenheit noch nicht gegeben hat. Ich bin jedenfalls sehr zuversichtlich, dass auch in der digitalen Arbeitswelt genügend neue Märkte und neue Jobs entstehen, die Verluste auffangen oder sogar überkompensieren werden.

Auf meinem Schreibtisch steht ein PC, ein Festnetztelefon, daneben liegt ein Smartphone. Wird das in fünf Jahren auch noch so sein?

Der Trend im Hardwarebereich geht in Richtung einer Verschmelzung verschiedener Funktionen in immer weniger Geräten. Das ist schon seit einiger Zeit zu beobachten und das Smartphone ist sicherlich ein Paradebeispiel. Allerdings sollte man die Geschwindigkeit, mit der sich unser Lebens- und Arbeitsalltag wandelt, auch nicht überschätzen. Mein Schreibtisch sah zum Beispiel vor fünf Jahren nicht viel anders aus als heute. Das spricht dafür, dass er auch in den kommenden fünf Jahren noch ähnlich aussehen wird. Aber es ist doch grundsätzlich sehr spannend, dass wir die Entwicklungen der nächsten Jahre heute noch gar nicht genau kennen.  

Auf dem Zukunftstag der Handelskammer am 2. Juni referieren Sie über „Anonymisierte Be- werbungsverfahren als Integrationshilfe“.  Wie muss sich der Arbeitsmarkt verändern, um  Migranten eine Chance zu geben und von den Chancen durch die Migranten zu profitieren?

Wir werden es uns in Zukunft immer weniger leisten können, Bewerber nicht allein nach ihrer Leistung und ihrem Können, sondern auch nach ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht oder ihrem Alter zu bewerten. Selbst wenn in Auswahlprozessen nur selten bewusst diskriminiert wird, laufen die Entscheidungen zu häufig nicht nur rational ab. Unbewusstes Denken und Handeln spielt gerade bei der Vorauswahl eine erhebliche Rolle. Ohne dass man sich darüber im Klaren ist, wirken Stereotype auf die Entscheidungsfindung ein – das vereinfacht und beschleunigt ja auch die Auswahl. Solche unbewussten Haltungen machen sich an Bewerberfotos und -namen gleichermaßen fest und können dafür sorgen, dass es die besten Bewerber womöglich gar nicht zum Vorstellungsgespräch schaffen. Das was eigentlich im Zentrum stehen sollte – die Qualifikation der Bewerber – droht auf der Strecke zu bleiben. Anonymisierte Bewerbungen sind zwar kein Allheilmittel und sie sorgen nicht für insgesamt faire Chancen im Berufsleben, aber Diskriminierung wird an einer sehr entscheidenden Stelle unterbunden.

Ist Deutschland eigentlich attraktiv genug für hochqualifi-zierte Ausländer? Oder was müsste sich ändern?

Trotz erheblicher Fortschritte sollten wir künftig konsequenter als bislang nach Fachkräften für Deutschland suchen und nicht darauf hoffen und warten, dass sie sich von allein für uns entscheiden. Wir haben zwar inzwischen auf dem Papier recht großzügige Zuwanderungsangebote, aber sie werden nicht  aktiv kommuniziert. Da sind uns andere Staaten weit voraus. Die klügsten Köpfe orientieren sich heute deshalb noch viel zu oft nach Kanada, in die USA oder nach Australien. Das liegt natürlich auch an der Sprache. Dennoch müsste Deutschland aufgrund seiner starken wirtschaftlichen Position zu den attraktivsten Zielländern gehören. Umso notwendiger ist es, dass wir den längst überfälligen Schritt vollziehen und endlich ein echtes Einwanderungsgesetz etablieren. Zuwanderer mit besonderen Qualifikationen sollten unbürokratischer als bislang eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhalten. Das lässt sich am besten über ein aktives Auswahlsystem mit klaren Kriterien und Quoten organisieren.