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// Die DNA des schwedischen Designs:
Weltweit stilbildende Wohnkultur

Skandinavisches Wohndesign ist weltweit erfolgreich und stilbildend. "Keep it simple" - so lässt sich der skandinavische Einrichtungsstil am treffendsten beschreiben. Die Formen sind schlicht, das Design ist geradlinig und klar, Schnörkel sind selten. Und die Skandinavier mögen es praktisch. So folgt die Form skandinavischer Möbel immer der Funktion - ganz nach den Prinzipien des Bauhauses und der Chicagoer Schule. Hinzu kommt der zutiefst demokratische Ansatz, demzufolge Design für jedermann ist und möglichst vielen Menschen zugänglich sein soll. Die Liebe der Skandinavier zur Natur zeigt sich in den organischen Formen des Einrichtungsstils. So erinnert beispielsweise die Vase "Savoy" des Designers Alvar Aalto an die Formen finnischer Seen.

Viele Designikonen stammen aus Schweden, und hier spielt das „nordische Licht“ eine besondere Rolle. Im Sommer in Überfülle vorhanden, im Winter schmerzlich entbehrt, ist es immer ein Mitspieler des Einrichtungsstils, der oft helle Holztöne mit bunten und fröhlichen Materialien kombiniert. Schwedische Einrichtungen wirken naturverbunden, drücken eine Sehnsucht nach den Wäldern und Landschaften aus, die in den Materialien deutlich wird. Die hellen, lichten, meist weißen Wände unterstützen dieses lichte Raumgefühl.

Doch was heute allgegenwärtig ist und beinahe selbstverständlich anmutet, geht auf historische Wurzeln zurück, die eng mit der schwedischen Sozialgeschichte verbunden sind. Das Königreich Schweden ist historisch gleichermaßen von der Adelskultur und dem bäuerlichen Lebensstil geprägt. Die Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts – Swedish Grace und Swedish Modern – beriefen sich auf frühere klassische Stile.

Als gustavianischen Stil bezeichnet man den klassizistischen Stil in der Architektur, im Design und im Kunsthandwerk in Schweden, der unter König Gustav III (1771-1792) eingeführt wurde und sich unter Gustav IV. Adolf (1792–1809) fortsetzte.  Er ist beeinflusst vom französischen Klassizismus zur Zeit König Ludwigs XVI., ist aber nüchterner und beruft sich auf die klassische Antike.

Der gustavianische Stil ist bis heute sehr populär, die originalen Möbel sind gesucht und teuer. Verwendet werden matte Decklacke in den typischen klaren, hellen und zarten Farben Weiß, Grau, Ockergelb, Blau, Lindgrün, Rosa und Elfenbein verwendet, die das Licht des nordisch kalten Klimas perfekt einfangen.

Der ebenfalls einflussreiche bäuerliche und romantische Stil, die Gemütlichkeit und die Fröhlichkeit, ist Ausdruck der schwedischen Naturverbundenheit. Der Landhausstil und nostalgische  bäuerliche Zitate wurden in der nationalromantischen Ära geprägt. Die Maler Carl Larsson und Anders Zorn wurden zur kaum zu überschätzenden Inspirationsquelle. Auch die das schwedische Lebensgefühl prägenden Geschichten Astrid Lindgrens spielen bekanntlich oft in diesem ländlichen Milieu, auf dem Land zwischen roten Häusern und tiefen Wäldern.

Swedish Grace und Swedish Modern

Der internationale Durchbruch des schwedischen Designs  gelang in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1931 kreierte der britische Kunstkritiker Morton Shand den Begriff „Swedish Grace“, was man vielleicht am besten mit „Schwedische Leichtig- keit“ übersetzt. Während dieser Periode (1910-1930) war die schwedische Formensprache klar und einfach, aber gleichzeitig elegant. Die Designer blickten auf den Klassizismus und setzten sich von der Nationalromantik ab. Man suchte nach sachlicheren und strafferen Formen, entsprechend dem Ideal des späten achtzehnten Jahrhunderts. Zu den bedeutendsten Vertretern dieses schwedischen Klassizismus gehört Carl Malmsten (1878 -1972).

In den späten 1920er und 1930er Jahren war die Design-richtung dann eine Mischung zwischen diesem Neoklassizismus und dem vom Bauhaus und Le Corbusier inspirierten Funktionalismus. Unter dem Begriff „Swedish Modern“ erlebten schwedische Möbel dann kurz nach dem Erfolg von „Swedish Grace“ einen zweiten internationalen Durchbruch. Einen regelrechten „Kick off“ stellte die berühmte Stockholmer Ausstellung von 1930 dar, die vom Architekten Gunnar Asplund geleitet wurde und vier Millionen Besucher begeisterte. Zeitschriften feierten den neuen Stil und Unternehmen, vor allem in Schweden und in den USA, führten rasch den modernen schwedischen Einrichtungsstil ein. Der Erfolg war so groß, dass mehrere amerikanische Einkaufszentren das Konzept kopierten und unter dem Label „Schwedische Moderne“ Produkte verkauften, von denen jedoch kein einziges in Schweden entworfen oder hergestellt worden war. Design und Kunsthandwerk aus Schweden waren weltweit angesagt. Der sachliche, quadratische und abgespeckte Funktionalismus war jedoch nur kurzzeitig prägend. Seine Idee, „Das Haus ist eine Maschine zum Wohnen“, wurde schon in den 1930er Jahren kritisiert. Kritiker meinten, das einfache, standardisierte und rationelle Interieur in minimalistischen Häusern mache auch deren Bewohner gleichförmig.

Anders als bei der ersten Generation der „Funktionalisten“, wurden nun Handwerkskunst, Tradition und Geschichte bejaht. Swedish Modern signalisierte damit bis in die 1960er zugleich Status und ein anspruchsloses, stilvolles Bewusstsein. In den USA und Europa wurden erfolgreiche Ausstellungen des schwedischen Designs gezeigt. So wurden Gustavsbergs Keramik, Glaskunst von Kosta Boda und Orrefors, Teppiche von Märta Måås Fjetterström und Möbel aus der Nordiska Kompaniet oder von Bruno Mathsson zu begehrten Produkten der trendsensiblen Verbraucher.

Mit einer sorgfältigen Kombination von organischen Formen, warmen Naturmaterialien und großen gemusterten Teppichen wurden Modernität, Kunsthandwerk, Geschichte und Tradition zusammengeführt. Einer der bedeutendste Designer war der Österreicher Josef Frank, der nach Schweden emigrierte und in den 1930er Jahren begann, für Estrid Ericssons Svenskt Tenn zu arbeiten. Franks Einrichtungsideale wurden von traditionelleren Formen und den Wohnungsidealen der Bourgeoisie der Wiener Jahrhundertwende beeinflusst.

Demokratische Grundhaltung

Es ist wohl diese Design-DNA mit Elementen aus Klassizismus, Funktionalismus, Landhausstil und der demokratischen Grundhaltung, die den schwedischen Designern bis heute das Zeichenbrett führt. Vielleicht macht diesen Stil gerade seine Einfachheit so beliebt, weil er damit Ruhe und Behaglichkeit ins Zuhause bringt. Jedenfalls trifft die schwedische Design-Haltung über erstaunlich lange Zeit den Nerv der Moderne weit über die Landesgrenzen hinweg und ist somit ein Grundpfeiler der schwedischen Exportwirtschaft.

von Peter Marx